Fortsetzung 'Wahre Liebe'

Am darauffolgenden Tag hatte Michael Schweizer ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten im Büro:

„Sie wollen also nur noch Teilzeit arbeiten. Wie kommt der plötzliche Sinneswandel? Letztes Jahr haben Sie sich noch auf die Position des Abteilungsleiters beworben, jetzt wollen Sie kürzertreten?“

„Herr Steffens“, entgegnete Michael, „verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist über ein Jahr her, für eine Trotzreaktion ein wenig spät, finden Sie nicht? Ich gönne Ihnen die Position von Herzen, es ist nur so, dass ich mehr Zeit für mich haben möchte.“

Nach einer Minute des nachdenklichen Schweigens räusperte sich Abteilungsleiter Steffens: „Also gut, Herr Schweizer, ich will Ihrem privaten Glück nicht im Wege stehen. Ich werde dem Vorschlag zustimmen.“

Michael sprang auf, reichte seinem Gegenüber die Hand und ging wieder an die Arbeit.
Am Nachmittag verlies er nach vielen Jahren erstmals wieder zeitig das Büro und kaufte am Bahnhof einen fröhlich bunten Blumenstrauß.
Als er heimkam öffnete seine Frau die Tür: „Hallo Schatz, Du schon hier?“

Er gab Ihr eine Kuss auf die Wange und lächelte sie an: „Gewöhne Dich schon mal daran. Ich habe heute einen Teilzeitvertrag beantragt, mein Chef hat schon zugestimmt. Mir ist klargeworden, dass wir viel zu wenig Zeit für einander haben, ich möchte das gern ändern.“

Seine Frau strahlte und hielt sich die Hände vor das Gesicht: „Was für eine Überraschung. Das ist ja wundervoll!“

Während sie mit dem Blumenstrauß in der Küche verschwand, ging er in sein Arbeitszimmer und rief den Psychiater an:

„Petersen.“

„Hallo Herr Petersen. Hier ist Michael Schweizer, ich war gestern bei Ihnen. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie mir sehr geholfen haben. Den nächsten Termin setzen Sie bitte auf die Rechnung, aber ich werde ihn nicht benötigen.“

„Wie kommt das?“
Das hört sich jetzt sicher seltsam an: Ich habe eine Liebe gegen eine andere eingetauscht. Ich habe meinem Arbeitgeber gesagt, dass ich mehr Freizeit möchte,  und ich habe einen Antrag auf Teilzeit gestellt.“                           
                                                                     
„Ich verstehe nicht …“
„Das ist jetzt sicher ein Schock für Sie, aber meine Arbeit war eben meine größte Leidenschaft.“
„Sie wollen mir erzählen, wir haben gestern ausschließlich über Ihre Arbeit gesprochen?“
„Ja.“

Der Psychiater fing an zu lachen. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich lache, aber ich hatte angenommen, es ginge um Ihre Frau.“

„Es war nicht meine Absicht, Sie zu täuschen. Meine Frau ist nun diejenige, die davon profitieren wird. Das verdanken wir Ihnen.“

Nach einer kurzen Pause sagte der Therapeut: „Ich wünsche Ihnen beiden alles Gute.“
Während sie sich verabschiedeten dachte der Therapeut kopfschüttelnd darüber nach, was manche Leute für Liebe hielten.

ENDE

19.7.07 10:25

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