Der Zweifler

Da stehe ich nun mit meiner abgewetzten Kleidung und den kaputten Schuhen vor dem Spiegel und denke darüber nach, ob ich all dies aufschreiben soll oder nicht.

Mein äußerer Zustand deckt sich vollkommen mit dem inneren, und so fällt es mir schwer, zuzugeben, was eine unabänderliche Tatsache ist:

Es gab da diesen Traum, etwas ganz besonderes zu schaffen, aber so sehr ich mich auch anstrengte, in meinem beruflichen Umfeld gelang es mir nicht. Weil ich mich beruflich so engagierte, gab es alsbald kein intaktes Privatleben mehr, und zu der Hoffnungslosigkeit gesellte sich Einsamkeit.

Trotz aller Widerstände war der Mut geblieben, noch einmal etwas ganz Neues zu versuchen, und so dachte ich darüber nach, die Bilder, die mir im Kopf herschwirrten wie Insekten einzufangen und auf Papier zu bannen, so dass auch andere Freude daran hätten.

Ich setzte alles daran, dieses Vorhaben voranzutreiben, doch zu müde war der Geist. Die Pinsel wanden sich, ein vorzeigbares Bild wurde jedoch nicht daraus. 

Umso größer der Druck auf meiner Seele, desto schneller verrann die Zeit, bis mich allmählich eine Dunkelheit umfing, die mich lähmte und in dem Zustand innerer Leere verharrten ließ.

Nichts und niemand konnten mich von dieser Last befreien, und mich beschlich der Gedanke, bei der lähmenden Dunkelheit könnte es sich um eine Depression handeln.

Es war an der Zeit, mich zu fragen, wer ich wirklich bin, herauszufinden, warum mir all dies Leid zugestoßen war, und wie ich mich von der inneren Lähmung befreien könnte. Mit letzter Kraft wollte ich alles daran setzen, wieder zu dem zu werden, was ich einmal zu sein schien, bis ich begriff, dass es kein Zurück gab, und ich alles um mich herum einschließlich meiner selbst im Geiste selbst erschuf.

Wenn dem so ist, wieso war ich dann in der Dunkelheit gefangen und nicht dort, wo ich sein wollte?

Ich beschloss mich von allem zu befreien, was Zwang, Enge und Zweifel bedeutete. Als wäre ich dann von schwerer Last befreit, jedoch noch müde von der beschwerlichen Reise, wäre jetzt der Zeitpunkt zu erkennen, dass es für eine Umkehr zu spät, jedoch eine Kurskorrektur durchaus möglich ist. Dazu müsste ich einfach nur das Tempo drosseln und mich nach einer neuen Richtung umsehen.

Da stand ich noch immer vor diesem Spiegel, noch immer beinah regungslos, und alles schien so einfach zu sein, würde der schwerfällige geschundene Körper nur einmal das tun, was ich wollte und der müde Geist ein Feuerwerk der Ideen hervorbringen.

Bevor die Selbstinszenierung würde beginnen können, war vor der Metamorphose eines zu erkennen:

Aus dem hässlichen Entlein wird ein stolzer Schwan, aus der Raupe ein Schmetterling. Verwandlungsprozesse brauchen Zeit zur Reife – immer. Wie ein Narr stehe ich vor diesem Spiegel und ärgere mich über die Dunkelheit, die nicht nur der Schatten auf meiner Seele ist, sondern vielmehr die Blindheit gegenüber den Prozessen des Lebens.

Ist es nicht vielmehr die Erfahrung des gescheitert Seins, die mich jetzt an einen anderen Ort trägt. Ohne die Erfahrung wäre ich nicht hier.

Ein Lächeln umfängt das Spiegelbild, denn Scheitern ist beinah wörtlich genommen die Basis dafür, gescheit zu werden.

Sternschnuppe887

29.3.07 07:49

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