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An Tagen wie diesen - Forsetzung III

„Fünf Euro macht das bitte.“

Die Kundin reichte der Verkäuferin den Schein, diese ging zur Kasse und gab der Kundin Wechselgeld und Kassenbon. Sie  wünschte ein schönes Wochenende und wand sich an mich:

„Vielen Dank für Ihre Geduld. Was kann ich für Sie tun?“

Ich drehte mich um und stellte fest, dass mein Mann weit und breit nicht zu sehen war. Gut, dachte ich, dann kaufe ich eben das ein, was ich für richtig halte.

„Zuerst hätte ich gern Margeriten, aber ich brauche noch Erde und Dünger“, erklärte ich ihr. Sie zeigte mir verschiedene: Weiße mit filigranem Laub, weiße mit grobem Laub, weiße in verschiedenen Größen, als Busch, als Hochstamm, Margeriten ‚Bornholm’, deren Blüten sich abends schließen, in verschiedenen Farben, aber mir fiel nicht ein, welche mir besser gefielen.

Gedanklich nahm ich die junge Dame mit in meinen Garten und erklärte ihr, was ich suchte. Vor ihrem inneren Auge schmückte sie meinen Garten, meine Terrasse und bepflanzte die Kübel. Ich war fasziniert von der Gabe, aber auch davon, wie gelassen sie in dem Trubel blieb.

Ganz nebenbei beantwortete sie Zwischenfragen anderer Kunden und war dennoch ganz bei mir zu Hause. Sie erklärte mir, dass ich im vergangenen Jahr die Margeriten mit dem dunklen Laub hatte, weil diese nicht so schnell braun werden.

Ich erinnerte mich kaum an meine Margeritenarten, und sie wusste noch welche ich hatte, obwohl zwölf Monate vergangen waren und sie hunderte, wenn nicht tausende andere Kunden bedient hatte. Hochachtung!

„Ich benötige noch etwas, das den Rand des Kübels überrankt“, sagte ich, nachdem wir die Margeriten ausgesucht hatten.

„Haben Sie bestimmte Vorstellungen?“ Ihre Augen blickten mich erwartungsvoll an, aber ich hatte keine Idee. Mein Blick blieb an einem an etwas Schmutz an ihrer Nase hängen.

„Im vergangenen Jahr hatte ich – wie heißen sie gleich – Hängepetunien. Pink. Ich hätte dieses Jahr gern etwas anderes.“

„Wenn Sie mit den Surfinien zufrieden waren, kann ich Ihnen in diesem Jahr welche in einen ganz ausgefallenen Farbton anbieten.“

Kurz darauf stehen wir vor Surfinien in einem marmorierten Lila, die mir ausgesprochen gut gefielen.

„Davon geben Sie mir bitte vier Stück“, sagte ich bestimmt.

Für meine Blumenampeln empfahl sie mir schlicht Erdbeerpflanzen. Ich liebe das Ausgefallene, und in diesem Jahr ist die Idee nicht nur ausgefallen, sondern auch preiswert und praktisch zugleich.

Behände zählte sie Pflanzen in meinen Korb, notierte sich die Anzahl auf einem kleinen Zettel. Sie schleppte Erde und Düngersäcke und lud diese auf eine Karre.

„Ich hätte gern noch einen Blumenstrauß. Bedienen Sie auch drinnen?“

„Selbstverständlich“, entgegnet sie, und ich sah in ihrem Blick, dass es nicht richtig wart, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Dennoch tat ich das, und dachte dabei an das Floristikgeschäft, das ich immer aufsuche, wenn ich etwas Besonderes haben möchte. In der Gärtnerei hatte man sicher nicht, was ein so exquisiter Geschmack verlangte.

Sie strafte mich Lügen und band mir einen bunten Sommerstrauß, der von meinem Lieblingsblumengeschäft nicht hätte übertroffen werden können. Dabei war es nicht einmal annähernd so teuer hier.

Ich fragte mich, was die engagierte junge Frau wohl verdienen mochte, vielleicht wurden die Überstunden bezahlt, vielleicht musste sie sie auch abbummeln, wenn die Pflanzzeit vorüber war.

In Gedanken rechnete ich nach, dass die Dame vor mir für fünf Euro eingekauft hatte:

Sie hatte eine Tüte gratis bekommen, die sicher zehn Cent kostete. Auf den Warenwert entfielen Steuern und der Einstandwert. Ich überschlug, dass die Handelsspanne maximal 30 bis 50% betrug.  

Sie hatte für € 2,50 also rund eine Viertelstunde gearbeitet. Der Arbeitgeber musste davon seine Fixkosten decken. Bei Pflanzen hat man auch schon mal Verluste, sie müssen gewässert, gedüngt und gepflegt werden. Wie die Gewinnspanne wohl aussehen mochte? Wie ihre eigene Gewinnspanne wohl aussah? Ich schätzte ihren Stundenlohn auf höchstens fünf Euro. Dafür hatte sie abends wunde Füße und blutige Hände.

Mein Blumenstrauß war fertig. „Gefällt er Ihnen?“

„Ja“, sagte ich einfach.

Sie wickelte den Blumenstrauß mit ihren geübten Händen ein. Ich war zufrieden.

Wo bloß mein Mann beblieben war?

„Wie viel macht das alles zusammen?“, fragte ich und sah, dass sie den Betrag für den Blumenstrauß bereits im Kopf errechnet hatte. Da sind fünf verschiedene Sorten Sommerblumen drin und Bindegrün. Ich staunte, sagte aber nichts.

Nachdem ich alles mit meiner Kreditkarte bezahlt hatte und mein Mann noch immer nicht zu sehen war, fragte ich: „Könnten Sie mir bitte beim Einladen behilflich sein. Ich weiß nicht, wo mein Mann ist.“

„Selbstverständlich“, entgegnete sie. Beim Verladen in den Wagen wollte ich ihr ein wenig zur Hand gehen: „Lassen Sie nur“, sagte sie, „Sie machen sich nur unnötig schmutzig.“

Da kam ich mir zum ersten Mal in meinem Leben schäbig vor, weil ich die falsche Kleidung angezogen hatte. Ich musste bei ihr den Eindruck einer dummen, eingebildeten und arroganten Frau hinterlassen haben, die sich ertappt fühlte, wie sie einfachere Menschen benutzte.

Fortsetzung folgt!

26.7.07 10:44, kommentieren



krank

Die Spannung wächst, die Spannung steigt - und dann wird die Autorin ein paar Tage krank.

Nun ist sie wieder da, und damit auch der Schluß der Geschichte.

Viel Vergnügen!

Sternschnuppe887

30.7.07 13:41, kommentieren

An Tagen wie diesen - Ende

Mein Mann war noch immer wie vom Erdboden verschluckt. Ich sah die Frau an, die kompetent und selbstbewusst war und würdevoll eine augenscheinlich einfache geringfügige Tätigkeit ausübte. War es nicht so, dass man ihr aufgrund ihrer Erscheinung, ihrer Kleidung und des Ansehens des Berufes an sich schon wenig Respekt zollte, so wie die Dame vorhin?

Plötzlich stand mein Mann neben mir: „Ach, wie ich sehe, ist schon alles verladen. Na, hat auch lange genug gedauert.“

Zu der Verkäuferin sagte er flüchtig: „Auf Wiedersehen.“

Wir stiegen in unser Auto und trotz aller Annehmlichkeiten fühlte ich mich auf einmal klein und unbedeutend.

Beschenkt, beschämt und geläutert saß ich da wie ein Niemand, wie ein Nichts musste ich einsehen, dass man doch alles haben und dennoch nichts besitzen kann. Ihr Reichtum ist Ihr Wissen, ihr Können, ihre Geduld, ihre Höflichkeit, ihre Würde, ihre Belastbarkeit.

Mein Reichtum ist genau genommen Armut – und vergänglich.

„Ich muss morgen noch einmal in die Gärtnerei“, brachte ich schließlich hervor.

„Was willst du denn morgen schon wieder da? Das Auto ist bis oben hin voll mit Blumen“, mein Mann war auf feindselige Art befremdet von meiner Aussage.

„Ich habe der Verkäuferin nicht einmal ein Trinkgeld gegeben.“

„Das brauchst Du nicht. Glaube mir, an Tagen wie diesen scheffeln die das Geld zentnerweise.“

„Ja, an Tagen wie diesen. Wann ist das schon. Und die kleine Verkäuferin bekommt sicher nichts davon ab.“

Schnell wurde mir klar, dass ein Trinkgeld die Welt auch nicht verändert, sondern die Einstellung jedes einzelnen zu seiner Umwelt, mochte die Erkenntnis auch schmerzhaft sein.

„Nun werd’ nicht sentimental.“ Mein Mann konzentrierte sich auf den Verkehr. Dann fügte er hinzu, während wir in unsere Straße einbogen:

„Hast Du viel ausgegeben?“

„Nein“, entgegnete ich, „ich habe viel bekommen.“

ENDE

 

30.7.07 13:43, kommentieren