Kurzgeschichten

krank

Die Spannung wächst, die Spannung steigt - und dann wird die Autorin ein paar Tage krank.

Nun ist sie wieder da, und damit auch der Schluß der Geschichte.

Viel Vergnügen!

Sternschnuppe887

30.7.07 13:41, kommentieren

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An Tagen wie diesen - Forsetzung III

„Fünf Euro macht das bitte.“

Die Kundin reichte der Verkäuferin den Schein, diese ging zur Kasse und gab der Kundin Wechselgeld und Kassenbon. Sie  wünschte ein schönes Wochenende und wand sich an mich:

„Vielen Dank für Ihre Geduld. Was kann ich für Sie tun?“

Ich drehte mich um und stellte fest, dass mein Mann weit und breit nicht zu sehen war. Gut, dachte ich, dann kaufe ich eben das ein, was ich für richtig halte.

„Zuerst hätte ich gern Margeriten, aber ich brauche noch Erde und Dünger“, erklärte ich ihr. Sie zeigte mir verschiedene: Weiße mit filigranem Laub, weiße mit grobem Laub, weiße in verschiedenen Größen, als Busch, als Hochstamm, Margeriten ‚Bornholm’, deren Blüten sich abends schließen, in verschiedenen Farben, aber mir fiel nicht ein, welche mir besser gefielen.

Gedanklich nahm ich die junge Dame mit in meinen Garten und erklärte ihr, was ich suchte. Vor ihrem inneren Auge schmückte sie meinen Garten, meine Terrasse und bepflanzte die Kübel. Ich war fasziniert von der Gabe, aber auch davon, wie gelassen sie in dem Trubel blieb.

Ganz nebenbei beantwortete sie Zwischenfragen anderer Kunden und war dennoch ganz bei mir zu Hause. Sie erklärte mir, dass ich im vergangenen Jahr die Margeriten mit dem dunklen Laub hatte, weil diese nicht so schnell braun werden.

Ich erinnerte mich kaum an meine Margeritenarten, und sie wusste noch welche ich hatte, obwohl zwölf Monate vergangen waren und sie hunderte, wenn nicht tausende andere Kunden bedient hatte. Hochachtung!

„Ich benötige noch etwas, das den Rand des Kübels überrankt“, sagte ich, nachdem wir die Margeriten ausgesucht hatten.

„Haben Sie bestimmte Vorstellungen?“ Ihre Augen blickten mich erwartungsvoll an, aber ich hatte keine Idee. Mein Blick blieb an einem an etwas Schmutz an ihrer Nase hängen.

„Im vergangenen Jahr hatte ich – wie heißen sie gleich – Hängepetunien. Pink. Ich hätte dieses Jahr gern etwas anderes.“

„Wenn Sie mit den Surfinien zufrieden waren, kann ich Ihnen in diesem Jahr welche in einen ganz ausgefallenen Farbton anbieten.“

Kurz darauf stehen wir vor Surfinien in einem marmorierten Lila, die mir ausgesprochen gut gefielen.

„Davon geben Sie mir bitte vier Stück“, sagte ich bestimmt.

Für meine Blumenampeln empfahl sie mir schlicht Erdbeerpflanzen. Ich liebe das Ausgefallene, und in diesem Jahr ist die Idee nicht nur ausgefallen, sondern auch preiswert und praktisch zugleich.

Behände zählte sie Pflanzen in meinen Korb, notierte sich die Anzahl auf einem kleinen Zettel. Sie schleppte Erde und Düngersäcke und lud diese auf eine Karre.

„Ich hätte gern noch einen Blumenstrauß. Bedienen Sie auch drinnen?“

„Selbstverständlich“, entgegnet sie, und ich sah in ihrem Blick, dass es nicht richtig wart, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Dennoch tat ich das, und dachte dabei an das Floristikgeschäft, das ich immer aufsuche, wenn ich etwas Besonderes haben möchte. In der Gärtnerei hatte man sicher nicht, was ein so exquisiter Geschmack verlangte.

Sie strafte mich Lügen und band mir einen bunten Sommerstrauß, der von meinem Lieblingsblumengeschäft nicht hätte übertroffen werden können. Dabei war es nicht einmal annähernd so teuer hier.

Ich fragte mich, was die engagierte junge Frau wohl verdienen mochte, vielleicht wurden die Überstunden bezahlt, vielleicht musste sie sie auch abbummeln, wenn die Pflanzzeit vorüber war.

In Gedanken rechnete ich nach, dass die Dame vor mir für fünf Euro eingekauft hatte:

Sie hatte eine Tüte gratis bekommen, die sicher zehn Cent kostete. Auf den Warenwert entfielen Steuern und der Einstandwert. Ich überschlug, dass die Handelsspanne maximal 30 bis 50% betrug.  

Sie hatte für € 2,50 also rund eine Viertelstunde gearbeitet. Der Arbeitgeber musste davon seine Fixkosten decken. Bei Pflanzen hat man auch schon mal Verluste, sie müssen gewässert, gedüngt und gepflegt werden. Wie die Gewinnspanne wohl aussehen mochte? Wie ihre eigene Gewinnspanne wohl aussah? Ich schätzte ihren Stundenlohn auf höchstens fünf Euro. Dafür hatte sie abends wunde Füße und blutige Hände.

Mein Blumenstrauß war fertig. „Gefällt er Ihnen?“

„Ja“, sagte ich einfach.

Sie wickelte den Blumenstrauß mit ihren geübten Händen ein. Ich war zufrieden.

Wo bloß mein Mann beblieben war?

„Wie viel macht das alles zusammen?“, fragte ich und sah, dass sie den Betrag für den Blumenstrauß bereits im Kopf errechnet hatte. Da sind fünf verschiedene Sorten Sommerblumen drin und Bindegrün. Ich staunte, sagte aber nichts.

Nachdem ich alles mit meiner Kreditkarte bezahlt hatte und mein Mann noch immer nicht zu sehen war, fragte ich: „Könnten Sie mir bitte beim Einladen behilflich sein. Ich weiß nicht, wo mein Mann ist.“

„Selbstverständlich“, entgegnete sie. Beim Verladen in den Wagen wollte ich ihr ein wenig zur Hand gehen: „Lassen Sie nur“, sagte sie, „Sie machen sich nur unnötig schmutzig.“

Da kam ich mir zum ersten Mal in meinem Leben schäbig vor, weil ich die falsche Kleidung angezogen hatte. Ich musste bei ihr den Eindruck einer dummen, eingebildeten und arroganten Frau hinterlassen haben, die sich ertappt fühlte, wie sie einfachere Menschen benutzte.

Fortsetzung folgt!

26.7.07 10:44, kommentieren

An Tagen wie diesen Fortsetzung II

„Ich habe in einer Zeitschrift gelesen, dass sich Studentenblumen zur Grabbepflanzung hervorragend eignen“, höre ich die Dame mit leicht näselnder Stimme zu der Verkäuferin sagen. „Haben sie welche?“

„Ja, wir haben welche da. Ich zeige Ihnen mal welche. Wenn sie mitkommen würden …“

Die Dame vor mir begriff langsam, dass ihr die Pflanzen nicht einzeln zur Kasse getragen werden und setzte sich in Bewegung. Im Gewühl gingen Verkäuferin und Kundin beinah verloren, doch ich folgte den beiden, denn ich glaubte mich zu erinnern, im vergangenen Jahr von dieser Verkäuferin gut beraten worden zu sein.

„Da sind unsere Tagetes“, sagte die Verkäuferin zu der Dame, deren kritisches Gesicht sich zu einer Grimasse verzog.

„Ich wollte Studentenblumen.“ In der Stimme schwang ein kleiner Vorwurf mit.

„Das sind Studentenblumen.“ Die Verkäuferin lächelte geduldig.

Jetzt war die Kundin verärgert: „Sagten sie eben nicht etwas anderes?“

„Ja, ich sagte ‚Tagetes’, das ist die botanische Bezeichnung für die Studentenblume.“

„Gibt es die nur in gelb?“ Die Kundin stand inmitten von Kisten von Studentenblumen in verschiedenen Farben und Formen.

Die Verkäuferin zeigte auf die Kisten mit den verschiedenen Farben und Formen.

Die Kundin guckte wieder skeptisch. „Ich habe in der Illustrierten gelesen, dass sich die Studentenblume hervorragend für die Grabbepflanzung eignet, weil sie die Kaninchen fernhält.“

„Da werden sich die Kaninchen über den Zeitungsartikel sehr freuen, fürchte ich. Die Studentenblumen werden sehr gern von den Kaninchen abgefressen.“ Die Verkäuferin legte den Kopf leicht schräg und lächelte milde.

„Was wird denn nicht von den Kaninchen gefressen?“

„Eisbegonien, Knollenbegonien, Silbereichen, fleißige Lieschen. Die letzteren haben allerdings einen sehr hohen Wasserbedarf. Wie ist denn der Boden beschaffen?“ 

„Auf dem Friedhof?“, fragte die Dame empört.

Die Verkäuferin erkannte die Situation und versuchte es anders: „Wenn Sie Eisbegonien nicht mögen, kann ich Ihnen nur die Knollenbegonien empfehlen. Die gibt es auch in unterschiedlichen Farben. Sie sind allerdings auch deutlich teuerer als die Eisbegonien.“

„Was ist mit Geranien?“, fragte die Dame. 

„Geranien lieben einen sonnigen Standort. Sie wollen die Pflanzen doch für den Friedhof haben? Liegt das Grab in der Sonne?“

„Nein, da stehen überall hohe Bäume. Das Grab liegt im Schatten, höchstens morgens scheint die Sonne dorthin.“

„Dann sollten Sie etwas nehmen, das den Schatten verträgt.“

Die Kundin blieb abrupt vor einem Wagen mit kleinblütigen blauen Blümchen stehen. „Was ist hiermit?“

„Das sind Lobelien. Leider sind sie für die Grabbepflanzung ungeeignet. Wenn die Pflanze größer wird, wird es eine Hängepflanze.“

Die Kundin schaute ungläubig auf die blauen Sternchen: „Ich hätte schwören mögen, das sind Männertreu.“

Die Verkäuferin gab auf. Sie erklärte der Kundin nicht, dass Männertreu auch Lobelien genannt werden.

Die Kundin schaute noch immer verdrießlich drein. „Eisbegonien sind mir zu mickrig“, zischt sie schließlich die Verkäuferin an. „Was sollen die überhaupt kosten?“  

„Die kosten 50 Cent pro Stück. Die sind aber noch enorm entwicklungsfähig. Wenn Sie sie bei der Pflanzung gut wässern, werden sie staunen, wie prächtig sie sich innerhalb kurzer Zeit entwickeln. Wenn Sie klassisch rot-weiß nicht mögen, kann ich Ihnen die rosafarbenen mit dem roten Laub empfehlen.“

Kritisch guckte die Kundin auf das kleine Pflänzchen, das die Verkäuferin zwischen ihren kleinen vom Schmutz bedeckten wunden, blutigen Fingern hielt.

„Wie viele dürfen es sein?“, fragte die Verkäuferin höflich.

„Sie sagen ja, die kommen noch. Geben sie mir mal 10 Stück“, knurrte die ältere Dame. „Ich brauche aber noch eine Tüte.“

Sorgsam verpackte die Verkäuferin die Pflänzchen. Tüte gehört zum Service.

Es wurde Zeit, die Dame zu Ende zu bedienen, denn inzwischen war fast eine Viertelstunde vergangen, und nicht alle Kunden warteten geduldig. Die ersten verließen wutentbrannt das Geschäft und schimpften über den schlechten Service.

Fortsetzung folgt!

1 Kommentar 25.7.07 10:49, kommentieren

An Tagen wie diesen - Fortsetzung I

Endlich bekamen wir einen Parkplatz fast direkt vor dem Eingang. ‚Glück braucht der Mensch’, dachte ich, aber mein Schatz grummelte: „Hast Du gesehen, wie voll es da drin ist. Wollen wir nicht lieber ein anderes Mal herfahren, wenn nicht so viel los ist?“

„Nein“, sagte ich bestimmt und ärgerte mich im Stillen darüber, dass er – wie so oft -  unkooperativ war. Dann fügte ich hinzu: „Wenn Pflanzzeit ist, ist es hier immer voll, ob nun heute oder ein anderes Mal, das ändert gar nichts, und ich will nicht warten, bis die schönsten Pflanzen ausverkauft sind!“
 

Nachdem das geklärt war, trottete er hinter mir her. Während ich den Unterstand vor dem Verkaufsraum betrat, schaute ich mich um. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, so schön waren all die Pflanzen: Fuchsien, Geranien, Petunien, Bacopa, Impatien, Garzanien, Lantanen, Vebenen, Heliotrop und vieles mehr bildeten ein einziges Blütenmeer.

Schnell stellte ich fest, dass alles war, wie in den vergangenen Jahren: Vertraut – aber noch immer keine Selbstbedienung bei den Balkonpflanzen. Zuerst brauchten wir einen Verkäufer für die Balkonpflanzen. Das war gar nicht so einfach, da die Verkäufer alle Hände damit zu tun hatten, den Ansturm der Kunden zu bewältigen.

Geduldig stellte ich mich im Verkaufsraum an, um einen Verkäufer zu bekommen. Ich begann zu rechnen. Vorn in die Kübel sollte je eine Margerite gepflanzt werden, gelb oder weiß, feines oder grobes Laub? Ich erinnerte mich daran, dass ich mal welche hatte, die innen braun wurden. Waren das jetzt die filigranen oder die anderen? Und was darum herum? Etwas Hängendes, aber was?

In der Schlange ging es nicht voran. Die ältere Dame vor mir suchte nach der optimalen Grabbepflanzung. Die Verkäuferin empfahl Eisbegonien. Die Kundin fand dies zu einfallslos. Wieder konzentrierte ich mich auf meinen Einkauf:

An der Terrasse hätte ich gern auch etwas Ausgefallenes. Aber was? An der Auswahl lag es nicht. Jedes Jahr wurde man beinah erschlagen von der Mannigfaltigkeit und Pracht der Gewächse, die es zu kaufen gab.

Fortsetzung folgt!

24.7.07 12:05, kommentieren

An Tagen wie diesen I

Es war ein sonniger Samstagvormittag Anfang Mai, als ich meinem Mann beim Frühstück darum bat, mit mir in die Gärtnerei zu fahren. Griesgrämig und morgenmuffelig wie immer, hörte ich zwischen seinen Zähnen und einem Stück Marmeladenbrötchen etwas hindurch zischen, dass sinngemäß wie „Fußball“ klang. Was immer ich mit dieser kargen Antwort anfangen sollte, wusste ich nicht, aber es ich sagte mir, es werde schon nichts zu bedeuten haben.

Im Gegensatz zu meinem Mann war ich schon morgens gut gelaunt und voller Tatendrank. Der Tagesablauf stand fest: Zur Gärtnerei fahren, Pflanzen und Erde kaufen, die Kübel bepflanzen, die Terrasse herrichten und bei dem schönen Wetter Grillen. Es würde ein herrlicher Tag werden!

Mein Mann schlurfte ins Bad, und ich, die bereits frisch geduscht am Frühstückstisch gesessen hatte, zog die Edeljeans an, die ich letzte Woche in einer Boutique gekauft hatte, dazu ein Designer-Top aus dem letzten Urlaub, Make-up, Schmuck und die Sandalen, die zu der Hose hervorragend passten, bürstete die Haare, dass die Strähnchen gut zur Geltung kamen, ein wenig Parfüm, und die ich war fertig.

Inzwischen hatte mein Mann das Bad verlassen. Er wirkte noch immer ein wenig zerknittert, aber das konnte meine Stimmung nicht im Geringsten trüben. Ich überlegte bereits, was ich alles einkaufen wollte.

Im Auto kam er langsam zu sich: „Was müssen wir denn überhaupt einkaufen, Schatz?“

Wie ein Wasserfall sprudelte ich hervor. Das war die Frage, auf die ich die ganze Zeit gewartet hatte: „Ich dachte, wir bepflanzen heute die Terrasse mit etwas Blühendem, außerdem müssen die Kübel am Eingang bepflanzt werden, dazu brauchen wir natürlich Blumenerde, anschließend wollte ich nach einer Topfpflanze für das Kaminzimmer gucken, und wenn wir heute grillen wollen, könnten wir noch durch die Gartenmöbelabteilung gehen, und …“

„Was, alles heute?“, unterbrach mich mein Mann und sah mich zum ersten Mal am heutigen Tag richtig an.

„Ja, wann denn sonst. Das Wetter ist herrlich, wir haben endlich mal Zeit dazu, und außerdem will ich es schön haben, wenn wir nachher auf der Terrasse sitzen und grillen.“

„Wer hat denn gesagt, dass wir grillen wollen. Hast Du denn schon etwas eingekauft?“

„Nein, das nicht. Ich dachte, das erledigen wir auf dem Rückweg.“

„Aber dann ist es schon Nachmittag.“

„Na und?!? Die Geschäfte haben doch bis 22 Uhr geöffnet. Bis zum Nachmittag sind wir wieder zu Hause.“

„Am Nachmittag ist Fußball.“ Wieder starrte mein Mann griesgrämig auf die Fahrbahn.

„Dann grillen wir eben morgen.“

„Und was essen wir dann heute?“, fragte er immer noch starr nach vorn blickend.

„Da fällt mir schon etwas ein.“

„Gib bloß nicht wieder so viel Geld aus“, sagte er tonlos, als wir in die Straße einbogen, in der sich die Gärtnerei befand.

Kurz darauf hatten wir die Einfahrt zum Gartencenter erreicht, und mussten zunächst warten, bis wir überhaupt auf den Parkplatz fahren konnten. Einige Autos parkten schon an der Straße, und der Kundenparkplatz war voller Blechungetüme, hier und da liefen Menschen mit Karren oder Pflanzen in den Armen zu ihren Autos.

Überall herrschte rege Betriebsamkeit. Ich sah, dass mein Mann genervt war, einen Parkplatz zu suchen. Er ist überhaupt genervt auf Besuche der Gärtnerei, aber so oft fahren wir nicht hierher, und ich finde, er kann das ruhig mal auf sich nehmen. Schließlich kaufe ich meist allein ein, und er braucht sich um nichts zu kümmern, obwohl ich auch genug anderes zu tun habe.

Das Chaos lichtete sich nicht, im Gegenteil. Hinter uns hatte sich schon ein kleiner Stau aufgebaut.

Fortsetzung folgt!

23.7.07 13:35, kommentieren

Längere Kurzgeschichte

Da bin ich mit einer bereits im Frühjahr diesen Jahres entstandenen, etwas längeren Kurzgeschichte.

Heute gibt es den Anfang.

Viel Vergnügen wünscht

Sternschnuppe887

23.7.07 13:34, kommentieren

Fortsetzung 'Wahre Liebe'

Am darauffolgenden Tag hatte Michael Schweizer ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten im Büro:

„Sie wollen also nur noch Teilzeit arbeiten. Wie kommt der plötzliche Sinneswandel? Letztes Jahr haben Sie sich noch auf die Position des Abteilungsleiters beworben, jetzt wollen Sie kürzertreten?“

„Herr Steffens“, entgegnete Michael, „verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist über ein Jahr her, für eine Trotzreaktion ein wenig spät, finden Sie nicht? Ich gönne Ihnen die Position von Herzen, es ist nur so, dass ich mehr Zeit für mich haben möchte.“

Nach einer Minute des nachdenklichen Schweigens räusperte sich Abteilungsleiter Steffens: „Also gut, Herr Schweizer, ich will Ihrem privaten Glück nicht im Wege stehen. Ich werde dem Vorschlag zustimmen.“

Michael sprang auf, reichte seinem Gegenüber die Hand und ging wieder an die Arbeit.
Am Nachmittag verlies er nach vielen Jahren erstmals wieder zeitig das Büro und kaufte am Bahnhof einen fröhlich bunten Blumenstrauß.
Als er heimkam öffnete seine Frau die Tür: „Hallo Schatz, Du schon hier?“

Er gab Ihr eine Kuss auf die Wange und lächelte sie an: „Gewöhne Dich schon mal daran. Ich habe heute einen Teilzeitvertrag beantragt, mein Chef hat schon zugestimmt. Mir ist klargeworden, dass wir viel zu wenig Zeit für einander haben, ich möchte das gern ändern.“

Seine Frau strahlte und hielt sich die Hände vor das Gesicht: „Was für eine Überraschung. Das ist ja wundervoll!“

Während sie mit dem Blumenstrauß in der Küche verschwand, ging er in sein Arbeitszimmer und rief den Psychiater an:

„Petersen.“

„Hallo Herr Petersen. Hier ist Michael Schweizer, ich war gestern bei Ihnen. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie mir sehr geholfen haben. Den nächsten Termin setzen Sie bitte auf die Rechnung, aber ich werde ihn nicht benötigen.“

„Wie kommt das?“
Das hört sich jetzt sicher seltsam an: Ich habe eine Liebe gegen eine andere eingetauscht. Ich habe meinem Arbeitgeber gesagt, dass ich mehr Freizeit möchte,  und ich habe einen Antrag auf Teilzeit gestellt.“                           
                                                                     
„Ich verstehe nicht …“
„Das ist jetzt sicher ein Schock für Sie, aber meine Arbeit war eben meine größte Leidenschaft.“
„Sie wollen mir erzählen, wir haben gestern ausschließlich über Ihre Arbeit gesprochen?“
„Ja.“

Der Psychiater fing an zu lachen. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich lache, aber ich hatte angenommen, es ginge um Ihre Frau.“

„Es war nicht meine Absicht, Sie zu täuschen. Meine Frau ist nun diejenige, die davon profitieren wird. Das verdanken wir Ihnen.“

Nach einer kurzen Pause sagte der Therapeut: „Ich wünsche Ihnen beiden alles Gute.“
Während sie sich verabschiedeten dachte der Therapeut kopfschüttelnd darüber nach, was manche Leute für Liebe hielten.

ENDE

19.7.07 10:25, kommentieren