Kurzgeschichten

Guten Rutsch!!!

Hallo liebe Leute,

 

da kommt nun mit einer Woche Verspätung das Weihnachtsgedicht. Was soll man nun davon halten?

 

Die letzten Monate waren geprägt von Überstunden, und auch Privates will nicht endlos aufgeschoben werden.

 

Den verständnisvollen Lesern gebührt Dank, die trotz scheinbar kreativer Pausen bei der Stange geblieben sind.

 

Auch wenn die Aussichten für das kommende Jahr kaum besser scheinen, so hoffe ich doch weiterhin auf positive als auch kritische Resonanz.

 

Einen guten Rutsch und alles Gute für 2008 wünscht

Sternschnuppe887

31.12.07 19:55, kommentieren

Werbung


Streng genommen - Ende

Exakt achtzehn Minuten später bogen zwei Jungen auf Fahrrädern auf das Grundstück von Sylvias Jugendliebe ein.

Sylvia hatte sich inzwischen im Bad ein wenig frisch gemacht und den Sitz ihrer Kleidung in Ordnung gebracht. Sie spürte, dass sie große Mühe hatte, gerade zu gehen.

Nachdem sie sich flüchtig von Michael verabschiedet hatte und zusammen mit ihrem Sohn auf dem Rücksitz ihres Autos saß, schräg hinter Daniel, dem Freund ihres Sohnes, den sie immer für schlechten Umgang gehalten hatte, dämmerte ihr, dass etwas an dieser Situation nicht in Ordnung sei:

„Was ist denn aus Eurer Party geworden?“, fragte Sylvia schließlich.

„Also, Mama, ich hätte es Dir sowieso gesagt, und Daniel weiß auch bescheid: Wir waren auf keiner Party. Was Daniel angeht, er lernt am Wochenende Mathe und Latein, sonst rasselt er mit Pech durch das Abi. Wenn man seine Freunde kaum noch trifft,  klingt es natürlich cooler, wenn man sagt, man wäre auf einer Party versackt. Bei mir liegen die Dinge anders: Birgit und ich gehen jetzt schon drei Monate miteinander, und wir wollten allein sein. Du verstehst? Sag’ jetzt nichts. Sie nimmt die Pille, und ich habe ein Kondom benutzt. Ich denke, wir gehen verantwortungsvoll mit unserem Leben um, etwas, das man von Dir gerade nicht behaupten kann. Manchmal sollte man weniger von sich auf andere schließen. - Ich verspreche, Papa nichts davon zu sagen, wenn Du mit uns auch nicht immer so streng bist. Deal?“

„Deal. Ich gebe zu, wir waren auch mal jung, das ist mir durch das Wiedersehen erst bewusst geworden. Es war nicht richtig, Euch zu unterstellen, dass Ihr schlechte Kinder wärt. Es tut mir leid. Entschuldigung angenommen?“

„Entschuldigung angenommen“, entgegnete Tobias und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.

ENDE

Sternschnuppe887

11.10.07 12:20, kommentieren

Streng genommen - Fortsetzung II

Es war fünf Minuten vor acht, als Sylvia Lange in die Straße einbog, in der jetzt ihre Jugendliebe wohnte. Sie brauchte nicht lange nach einem Parkplatz suchen, denn zu der Villa gehörten auch mehrere Parkplätze. ‚Nicht übel’, dachte Sylvia und zog noch einmal den Lippenstift nach, ehe sie zum Haus ging.

Michael gab sich galant, nahm ihr die Jacke ab und sie setzten sich in das Kaminzimmer, das mit dem Esszimmer und der Küche eine offene Einheit bildeten.

„Meine Frau liebt es amerikanisch“, sagte er fast entschuldigend, dann ging er in die Küche und nahm die Fertigpasta vom Herd um goss sie durch ein Designersieb. „Das Essen ist fast fertig, vielleicht möchtest Du die Soße abschmecken?“

Sylvia wandte sich zu ihm und kostete die Soße. „Hm, lecker, selbst zubereitet?“

„Nein“, grinste er schelmisch, „aber selbst gekauft.“

Michael entkorkte weltmännisch den Wein, zündete Kerzen an und sie aßen zu Abend.

Nach dem Essen setzen sie sich an den Kamin und tranken Wein, erzählten sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten und bemerkten dabei nicht wie die Zeit verflog.

„Ist der Sohn Deiner Frau nicht da?“, fragte Sylvia nicht ohne Hintergedanken.

„Er feiert am Wochenende immer Partys. Meist kommt er nicht vor dem Morgengrauen heim und ist dazu bis zum Abend kaum ansprechbar.“

Michael setzte wieder seinen entschuldigenden Blick auf, in den sich Sylvia schon als Teenager verliebt hatte. So redeten sie und tranken Wein, bis das Feuer im Kamin heruntergebrannt war. ______________________________________________Am

Sonntagmorgen klingelte Sylvias Mobiltelefon in ihrer Handtasche. Ein wenig benommen ergriff sie es und sagte mit schwerer Stimme: „Ja.“
„Mama, hier ist Tobi. Gott sei Dank, ich dachte schon, Dir sei etwas passiert, weil Du nicht zu Hause bist! Wo um Himmels Willen steckst Du?“

„Bei’m Freund“, lallte Sylvia und öffnete langsam die Augen und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: „Ich kann aber nicht fahren.“

„Hattest Du einen Unfall? Du klingst so komisch?“ Tobias klang ernsthaft besorgt um seine Mutter.

„Nein, nur ein bisschen zuviel getrunken. Ich komme mit dem Taxi und hole das Auto später.“ Sylvia wurde langsam klarer und stellte erschreckt fest, dass ihre Kleidung nicht in Ordnung war.

„Die Karre muss hier verschwinden, meine Frau kommt am frühen Nachmittag zurück“, hörte sie Michael kalt hervorbringen, der vor ihr mit nacktem Oberkörper auf einem orientalischen Teppich räkelte. 

„Mama? Alles in Ordnung bei Dir?“, fragte Tobias durch das Telefon.

„Hm.“, antwortete Sylvia. „Das Auto kann nicht hier bleiben, aber fahren kann ich keinesfalls.“

„Gut.“ Tobias schien einen Moment zu überlegen. „Wir fahren jetzt zu Dir, und Daniel fährt den Wagen zurück?“

„Daniel?“ Sylvias Stimme klang ein wenig überdreht.

„Ja, Daniel. Er ist schon über achtzehn und hat schon eine Weile seinen Führerschein“, sagte Tobias bestimmt.

„Du warst doch mit Daniel auf der Party …“. Sylvia klang besorgt.

„Keine Angst, das erkläre ich Dir gleich. Wo bist Du?“

„Die Karte von dem Freund liegt auf dem Telefontisch.“

„Ich rufe nur kurz Daniel an, wir sind in schätzungsweise zwanzig Minuten bei Dir, okay.“

„Okay.“ Sylvia legte auf und sah Michael an, der noch immer auf dem Teppich lag.

„Wir haben doch nicht etwa …“, fragte sie ihn, was er mit einem breiten Grinsen beantwortete.

Fortsetzung folgt.

Sternschnuppe887

 

5.10.07 09:12, kommentieren

Streng genommen - Fortsetzung I

Sylvia Lange stand gerade am Kühlregal im Supermarkt und überlegte, was sie einkaufen sollte, als sie jemand von hinten ansprach:

„Sylvia?“, sagte eine aus fernen Tagen vertraute Männerstimme.

Sylvia drehte sich um, dass ihre Ohrringe geräuschvoll gegen ihr lockiges Haar schlugen.

„Michael, das ist ja eine Überraschung.“ Ihr schlug das Herz bis zum Hals vor Freude. Ob er noch wüsste, wie sehr sie gelitten hatte, als sie sich damals nach der Schule aus den Augen verloren hatten?

„Wie geht es Dir?“, fragten beide gleichzeitig, und die Welt um sie herum verschwamm zu einem milchigen Brei.

„Mir geht es gut“, sagte Sylvia schließlich, als sie ihre Fassung einigermaßen wieder gefunden hatte. „Was machst Du denn hier?“

Ein wenig unsicher entgegnete Michael, der sich nur trotz einiger grauer Haare wenig verändert zu haben schien: „Ich kaufe ein. Und Du?“

„Ähm, tja, ich auch.“ Beide lachten ein wenig verlegen. 

„Bist Du verheiratet?“, fragte Michael zögerlich.

„Ja, und Du?“ Sylvia spürte, wie die Hitze in ihr aufstieg.

„Ja, ich auch. Habt Ihr Kinder?“

„Ja, Tobias ist siebzehn und Frederike vierzehn. Habt Ihr auch Kinder?“

„Meine Frau hat einen Sohn. Sie ist gerade auf Geschäftsreise, deshalb versuche ich mich mal als Hausmann und Koch.“ Mit einer Geste unterstrich er seine Hilflosigkeit.

„Was machst Du beruflich?“, fragte Sylvia neugierig.

„Ich bin selbständiger Kaufmann. Und Du?“

„Seit die Kinder auf der Welt sind, illustriere ich Bücher, vermarkte Kalender und organisiere Kindergeburtstage.“ Sylvia schenke ihm ihr schönstes Lächeln.

Michael sah wie sich ihre roten Lippen bewegten und hörte nicht, was sie sagte. Wie benommen sagte er schließlich: „Schade, dass wir damals so auseinander gegangen sind. Es tat mir später immer wieder leid, aber hatte damals Ilona kennen gelernt und bin tatsächlich mit ihr nach Amerika gegangen …“

Sylvia erinnerte sich nur zu gut an die Frau, die ihr die Liebe ihres Lebens geraubt hatte: „Lass uns nicht über Vergangenes sprechen …“

Während ihre Blicke miteinander verschmolzen, brach Michael das Schweigen: „Du hast recht. Was hälst Du davon, wenn Du mich heute Abend zu Hause besuchst?“


Sylvia konnte nicht den Blick von seinen tiefblauen Augen abwenden. „Ja, gern. Meine Kinder sind heute Abend aus dem Haus, ich habe nichts vor.“

„Fein“, freute sich Michael. „Sagen wir so gegen acht?“  

„Acht Uhr? Das passt perfekt.“

Michael kramte in seiner Brieftasche nach einer Visitenkarte. „Ich gebe Dir meine Adresse. Wollen wir gemeinsam essen?“

„Klingt gut.“ Sylvia schmachtete ihn an.

„Meinst Du, die Fertigpasta hier ist zu empfehlen?“ Michael sah sie durchdringend an.

„Probier sie aus, dann werde ich es Dir sagen.“

„Dann bis heute Abend.“

„Dann bis heute Abend“, wiederholte Sylvia und fügte hinzu: „Ich besorge den Wein.“

„Prima, dann bis später.“ Michael sah Sylvia hinterher, wie sie in Richtung Weinregal verschwand. Ohne dabei nach vorn zu blicken, entfernte er sich von dem Kühlregal und fuhr mit dem Einkaufswagen direkt gegen ein Regal, aus dem tosend Ravioli- dosen zu Boden stürzten - direkt vor die Füße einer älteren Dame.

„Die heben Sie schön wieder auf, junger Mann“, sagte diese streng und verfolgte jede von Michaels Bewegungen, damit er ja keine auf dem Boden liegende Dose übersah.

Forsetzung folgt.

Sternschnuppe887

2.10.07 09:14, kommentieren

Streng genommen

‚Der zunehmende Alkoholkonsum von Jugendlichen und Heranwachsenden alarmiert Eltern, Lehrer und Politiker gleichermaßen.’, las Sylvia Lange in der Morgenzeitung. Als Ehefrau und Mutter zweier Kinder hatte sie manchmal ein wenig Sorge um ihre beiden Kinder, die mit vierzehn bzw. siebzehn Jahren dem kritischen Alter angehörten. Sylvia war eine noch recht attraktive Frau Ende dreißig. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren Kindern ein wenig beengt in einer Dreieinhalbzimmerwohnung in einer größeren Wohnanlage, in der vorwiegend Familien ihre Heimat gefunden hatten.

An diesem Samstagmorgen gab es neben der üblichen Hausarbeit und dem noch zu erledigenden Einkauf Diskussionen mit den Kindern:

„Auch wenn Euer Vater über das Wochenende nicht zu Hause ist, heißt das noch lange nicht, dass Ihr machen könnt, was Ihr wollt. Tobias, Du bist erst siebzehn. Ich erlaube nicht, dass Du zu dieser Party gehst. Deine Leistungen in Latein könnten wahrhaft besser sein, und ich möchte nicht, dass Du Dich betrinkst, wie es Dein Freund Daniel offenbar jedes Wochenende tut.“

„Mama, das stimmt nicht.“ Tobias drehte gelangweilt seinen Croissant in der Erdbeermarmelade.

„Was stimmt nicht? Dass Daniel Dein Freund ist oder dass er sich hoffnungslos betrinkt. Geburtstag hin oder her, er ist ein schlechter Einfluss, Du bleibst zu Hause - und damit basta!“

„Lass Tobi ruhig zu der Party gehen, Mama, der rasselt doch sowieso durch das Abi.“

Völlig verschlafen und mit zerzausten blonden Haaren erschien die vierzehnjährige Frederike am Frühstückstisch: „Gib mir mal die Butter, Mama.“

Sylvia reichte ihrer Tochter die Butter, die weder zu ihr aufsah noch sich bedankte.

„Wie kommst Du darauf, dass Dein Bruder das Abi nicht schaffen könnte? Räum’ Du lieber Dein Zimmer auf. Ich habe Dir schon hundert Mal gesagt, dass nächste Woche jemand kommt und alle Thermostate austauscht. Wenn das Zimmer bis dahin nicht sauber ist, mache ich das, aber ich mache kurzen Prozess mit Deinen CDs, Zeitungen, Postern und werfe all den Kram zusammen mit Deiner schmutzigen Wäsche in den Mülleimer.“

Tobias ignorierte die Streithähne: „Du kannst machen, was Du willst, ich gehe zu der Party, sonst stehe ich vor den anderen wie ein Trottel da. Ich verspreche, mich nicht zu betrinken, und ich lasse für den Notfall das Handy an. Wenn ich morgen früh nicht zurück bin, kannst Du immer noch eine Vermisstenanzeige aufgeben.“

Sylvia sah ein, dass es zwecklos war, an allen Fronten Krieg zu führen und willigte resigniert ein: „Gut, mein Großer. Aber wehe, Du hälst Dein Wort nicht, dann war es die letzte Party, bevor Du achtzehn wirst. Deal?“

„Okay, Mama, deal.“

Sylvia wunderte sich ein wenig darüber, dass ihr Sohn so schnell nachgab, aber so war es natürlich angenehmer: „Frederike, Du bekommst Dein Taschengeld nur, wenn das Zimmer fertig ist. Wohin gehst Du heute Abend?“

„Zu Maike“, entgegnete Frederike knapp und stand vom Tisch auf, nahm ihr Glas Orangensaft und ein trockenes Brötchen mit, von dem sie im Verlassen der Küche abbiss. „Vergiss nicht, nachher die Essensreste zu entfernen“, rief Sylvia hinter ihrer Tochter hinterher, doch die Tür zu ihrem Zimmer fiel bereits vernehmbar ins Schloss.

Tobias stand ebenfalls auf, stellte seinen Teller auf die Spüle und gab seiner Mutter einen Kuss: „Wenn Du nicht so streng wärst, könnte man Dich manchmal richtig gern haben.“

Fortsetzung folgt.

Sternschnuppe887

 

1.10.07 13:10, kommentieren

For rent

Als ich auf der Party ankomme, sind alle anderen Gäste längst da. Gleich, als ich das Wohnzimmer betrete, verstummen alle Gespräche. „Die hat er also auch eingeladen“, höre ich aus einer Ecke des Raumes und weiß nicht, ob ich mich freuen soll, dass mich jemand kennt.
Zielstrebig fange ich damit an, mit dem Gastgeber zu flirten, und ich sehe es der Frau neben ihm an, dass sie über mein Erscheinen alles andere als begeistert ist. Wenn ich sie so anschaue, sehe ich mit Kennerblick, dass Mauerblümchensaison ist, und ich ein leichtes Spiel haben werde.
Nachdem soweit erst einmal alles geklärt ist, erkläre ich der gesamten Runde, dass ich in Sektlaune bin und feiern will. Ich stöckle in der Gegend herum, gebe mich lasziv und ein wenig extravagant, nehme den Gastgeber an die Hand und mache kleine Andeutungen über unsere gemeinsame Vergangenheit. Er macht bei unserem Spiel nur widerwillig mit, aber das ist mir egal.
Ich gönne dem Gastgeber eine kurze Verschnaufpause, nehme mein Glas und stöckle weiter in Richtung einer kleinen Damenrunde, die sich den ganzen Abend schon über nichts anderes unterhält als Kochrezepte. Nicht, dass ich mich plötzlich für Kochen interessieren würde: Auch hier geht meine Rechnung schnell auf. Meine Anwesenheit ist offenbar unerwünscht, und die kleine Gruppe löst sich auf. Ein Mädel habe ich in der Ecke so eingekeilt, dass sie nicht raus kann, ohne mich zu bitten, sie vorbei zu lassen. Sie will nicht unhöflich sein und bleibt sitzen. Vielleicht fürchtet sie auch eine Szene, und so haben wir ein wenig Smalltalk, bis ich beschließe, noch einmal den Gastgeber anzuflirten. Der ist aber gerade nicht im Raum.
Ich nutze die kurze Abwesenheit des Gastgebers, einigen Partygästen meine Karte zuzustecken, dann ist der Gastgeber schon zurück. Wieder flirte ich mit ihm. Es dauert nicht lange, und das Mauerblümchen ist drauf und dran zu gehen. Der Gastgeber bearbeitet sein Mauerblümchen, lässt sie stehen, und ich gehe mit ihm für einen kurzen Moment in die Küche.
Wir verlassen die Küche, und ich setze meine Sonnenbrille auf. Es muss ja niemand sehen, dass ich geweint habe, denke ich. Er geht hinter mir und wendet sich dem Mauerblümchen zu, das offenbar versucht hat zu lauschen: „Es tut mir leid, ich wollte Dich nicht verletzten. Mir ist erst heute Abend klar geworden, was Du für mich empfindest. Jetzt bin ich frei.“ Wie romantisch.

Er schmachtet sie an, während sie mir verächtliche Blicke zuwirft. ‚Du hast gesiegt, was willst Du mehr’, denke ich und verlasse die Party.
Wurde auch Zeit, denn ich will noch auf eine andere Party gehen.
Dort ist entscheidend weniger los. Es sieht ganz so aus, als sei die Party erst gar nicht in Gange gekommen. Wie schade. Ich bin nicht diejenige, die die
teils stumpfsinnig dreinblickenden Runde in Fahrt bringen kann. Ich komme nicht aus der Torte gesprungen, singe keine Chansons.
Die Stimmung ist nicht sehr heiter, aber ich tue mein bestes: Auch hier flirte ich heftig mit dem Gastgeber, dem ist das sehr recht. Ich frage ihn, ob wir die Party verlassen wollen, und damit renne ich bei ihm offene Türen ein.
Hand in Hand gehen wir zur Wohnungstür, da hält uns die Gastgeberin auf und macht eine riesige Szene. Ich gehe mit ihr kurz in ein Gästezimmer, dann ist alles geklärt. Ich verlasse die Party allein, sage im Gehen noch: „Tschüß, Süßer. Vielleicht ein anderes Mal.“
Puh, jetzt ist Feierabend und ein lukrativer Abend geht zu Ende. € 450,- habe ich an diesem Abend verdient. Sie denken, ich bin ein Callgirl? Nein, Sie irren. Ich bin ein Partyluder.
Wie ich dazu gekommen bin? Mein Bruder brachte mich auf die Idee:
Es war kurz vor seinem 38. Geburtstag und er beklagte sich am Telefon darüber, dass zu seinem Geburtstagen immer dieselben Gesichter anwesend waren, immer dieselben Leute miteinander sprachen und er es Jahr für Jahr nicht schaffte, seine angebetete Anke für sich zu gewinnen.
Ich fühlte mich schuldig. Da wir nicht in derselben Stadt lebten, hatte ich alle Jahre  meinem älteren Bruder ein Päckchen mit irgendwelchen Sachen gekauft, ohne seine wahren Bedürfnisse zu kennen.
Ich beschloss, das zu ändern, verkleidete mich in einen Vamp, mischte die Party von Grund auf – und seit dem sind mein Bruder und Anke fest miteinander verbunden. Es fehlte jemand, der die Beziehung auf eine erotische Ebene transportierte, und das war mir offenbar gelungen.
Die Idee war geboren, die Dienste allen zur Verfügung zu stellen, die dafür bezahlten. Für einen gelungenen Auftritt nehme ich € 200,-, viele ist aber nicht geizig, wenn es darum geht, einen Ehemann Betrug vorzuwerfen oder an der Reaktion einer Person zu erfahren, ob sie wirklich dieselben Gefühle hegt. Im ungünstigsten Fall löse ich nur ‚verhärtete Strukturen’ auf, d. h. ich sorge dafür, dass sich auf einer Party auch mal andere Leute miteinander unterhalten als sonst.
Welche Voraussetzungen erforderlich sind? Extrem gute Menschenkenntnis und eine Art Killerinstinkt. Binnen Minuten muss ich herausfinden, wer die Stimmung lähmt, wer zu wem gehört, wo ich ansetzen muss. Zu keiner Zeit darf ich Zurückhaltung zeigen, ohne Entschlossenheit funktioniert der Job nicht. Wenn ich zögere, habe ich schon verloren.
Ob ich davon leben kann? Vielleicht könnte ich es. Ich nehme nicht jede Woche einen Auftrag an, manches Wochenende dafür mehrere.
Natürlich geht mal ein Auftrag daneben. Das ist nicht so tragisch, denn hauptberuflich bin ich Büroangestellte, muss also nicht jeden Auftrag annehmen, und ewig werde ich das auch nicht machen können, denn gutes Aussehen ist Bedingung.
Ob ich nicht doch erotische Dienste anbiete? Sie wollen es aber genau wissen!

Grundsätzlich nein, aber ich bin ungebunden, und sollte sich eine Gelegenheit ergeben, werde ich sie sicher ergreifen. Ich bin schließlich ein Partyluder.

Sternschnuppe887

1 Kommentar 8.8.07 09:02, kommentieren

An Tagen wie diesen - Ende

Mein Mann war noch immer wie vom Erdboden verschluckt. Ich sah die Frau an, die kompetent und selbstbewusst war und würdevoll eine augenscheinlich einfache geringfügige Tätigkeit ausübte. War es nicht so, dass man ihr aufgrund ihrer Erscheinung, ihrer Kleidung und des Ansehens des Berufes an sich schon wenig Respekt zollte, so wie die Dame vorhin?

Plötzlich stand mein Mann neben mir: „Ach, wie ich sehe, ist schon alles verladen. Na, hat auch lange genug gedauert.“

Zu der Verkäuferin sagte er flüchtig: „Auf Wiedersehen.“

Wir stiegen in unser Auto und trotz aller Annehmlichkeiten fühlte ich mich auf einmal klein und unbedeutend.

Beschenkt, beschämt und geläutert saß ich da wie ein Niemand, wie ein Nichts musste ich einsehen, dass man doch alles haben und dennoch nichts besitzen kann. Ihr Reichtum ist Ihr Wissen, ihr Können, ihre Geduld, ihre Höflichkeit, ihre Würde, ihre Belastbarkeit.

Mein Reichtum ist genau genommen Armut – und vergänglich.

„Ich muss morgen noch einmal in die Gärtnerei“, brachte ich schließlich hervor.

„Was willst du denn morgen schon wieder da? Das Auto ist bis oben hin voll mit Blumen“, mein Mann war auf feindselige Art befremdet von meiner Aussage.

„Ich habe der Verkäuferin nicht einmal ein Trinkgeld gegeben.“

„Das brauchst Du nicht. Glaube mir, an Tagen wie diesen scheffeln die das Geld zentnerweise.“

„Ja, an Tagen wie diesen. Wann ist das schon. Und die kleine Verkäuferin bekommt sicher nichts davon ab.“

Schnell wurde mir klar, dass ein Trinkgeld die Welt auch nicht verändert, sondern die Einstellung jedes einzelnen zu seiner Umwelt, mochte die Erkenntnis auch schmerzhaft sein.

„Nun werd’ nicht sentimental.“ Mein Mann konzentrierte sich auf den Verkehr. Dann fügte er hinzu, während wir in unsere Straße einbogen:

„Hast Du viel ausgegeben?“

„Nein“, entgegnete ich, „ich habe viel bekommen.“

ENDE

 

30.7.07 13:43, kommentieren