Der Peiniger VI

Nach dem Gespräch mit der Personaldirektion fühlte sich Cora befreit und erleichtert, als sei ein viel zu enges Kostüm aufgeplatzt. Sie hatte den Vorfall von damals in allen Einzelheiten geschildert.

Zunächst war der Leiter der Personalabteilung für ein Vier-Augen-Gespräch bereit gewesen, sie hatte kurz geschildert, was sich damals ereignet hatte und rief dann Frau Spielvogel an, die den „Fall“ Frommel betreute.

Frau Spielvogel hatte bekräftigt, dass ihre Aussage für Claudia Zahn sehr wichtig war, denn es zeigte, dass zumindest die Anschuldigungen nicht frei erfunden waren. Trotzdem konnte Frau Spielvogel nicht verbergen, dass sie erstaunt darüber war, dass gerade die als nüchtern geltende Cora von diesem Typen befummelt worden war.

Das Gespräch lief professionell und sachlich ab. Frau Spielvogel notierte sich die wichtigsten Sachverhalte und versicherte, man werde sich nach Abschluss der Untersuchungen und der Befragung von Herrn Frommel wieder bei ihr melden.

Den Rest des Tages schaffte sie ihr Pensum in gewohnter Weise, kurz vor Feierabend dachte sie an Anton, den sie wohl verloren hatte. Während sie zum Waschraum ging und ihren Becher spülte, war sie sich noch nie so deutlich darüber im Klaren gewesen, wie recht Anton mit dem hatte, was er in seinem kurzen Wutausbruch von sich gegeben hatte.

Während sie früher körperbetonte Mode bevorzugte, hatte sie nach dem „Vorfall“ im Keller des Gebäudes, das ihre berufliche Heimat geworden war, eher schlicht und weniger figurbetont gekleidet. Dessous trug sie seitdem nur unter der Bettdecke, privat bevorzugte sie plötzlich nur noch langärmelige hochgeschlossene Pullis und knöchellange Hosen, Röcke nur zu besonderen Anlässen. Seit dem Vorfall hatte sie sich in Röcken immer ein wenig ungeschützt gefühlt, aber bewusst gewesen war ihr das nicht.

Wenn sie bloß Anton damals gleich gesagt hätte, was los war, würde sie heute nicht vor den Trümmern ihrer Beziehung stehen.

Anton - wie waren sie in einander verliebt gewesen. Wenn er sie noch liebte, würde er ihr bestimmt verzeihen. _____________________________________________________________

Allein abends in der gemeinsamen Wohnung und zu wissen, er kommt nicht nach Hause, alles das ließ ihre Laune sinken.

Noch ehe sie aber ernsthaft hätte Trübsal blasen können, läutete das Telefon:

„Hallo, hier ist Anton. Du wolltest eine Aussprache …“. Er wirkte kurz angebunden.

„Ja, es tut mir so leid. Wollen wir uns treffen?“

„Das halte ich für keine gute Idee. Bei uns zu Hause ist nicht der richtige Ort, hierher kannst Du nicht. Du weißt, dass meine Mutter Dich nicht leiden kann, im Cafe oder Restaurant will ich auch keine Beziehungskrise diskutieren. Sag’ mir einfach, was Du willst.“

Mit dieser schroffen Art hatte Cora nicht gerechnet. Dennoch versuchte sie, ihre Beziehung zu retten:

„Anton, es tut mir leid. Jetzt weiß ich, wie sehr Du mit Deinen Aussagen Recht hattest. Ich wollte Dich nicht kränken. Es hat da damals einen Vorfall gegeben. Wir waren gerade frisch verliebt, und ich wollte unser Glück nicht gefährden …“

„Red nicht lange rum: Gab es einen anderen?“, fragte er schroff.

Cora ärgerte sich darüber. Dass Männer immer sofort an ihre gekränkte Eitelkeit denken müssen.

„Nein, es war nur so, dass ich … dass ich … nur knapp einer Vergewaltigung entgangen bin …“

Anton schwieg zunächst. „Warum hast Du mir das nicht erzählt?“

„Es war wenige Wochen nach unseren Einzug in die Wohnung. Alles war perfekt. Ich hatte Angst, Du würdest denken, ich hätte … weil ich damals so kurze Röcke trug …“, Cora weinte hemmungslos.

Wieder schwieg Anton: „Warum hattest Du kein Vertrauen zu mir?“

„Ich … ich hatte ja Vertrauen, aber ich habe niemanden davon erzählt, erst am Valentinstag, als es diesen Vorfall in der Firma gab, da kam alles wieder hoch …“

Sie erzählte, was in der Firma geschah und was der Auslöser für den Ausraster ihrer Kollegin war, und Anton hörte geduldig zu. Als sie geendet hatte, sagte er: „Cora, es ist schrecklich, was sich ereignet hat, aber verstehe mich bitte nicht falsch. Es ändert nichts daran, dass du meine Gefühle all die Jahre zurückgewiesen hast. Dass Du Dich mir nicht anvertrauen konntest, trifft mich erneut. Ich denke, es ist besser, wenn wir uns eine Weile nicht sehen.“

„Gut, da kann ich wohl nichts machen … Mach’s gut“, entgegnete Cora resigniert und hängte ein.

25.12.06 10:41

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