Der Peiniger IV

Cora ging ins Bad, um sich noch ein wenig frisch zu machen. Ohne dass sie es hätte beeinflussen können, kam ihr sofort wieder Frommel in den Sinn. Wäre es das Beste, auch sie über den so lange zurückliegenden Vorfall mit der Personalabteilung sprach? Mit ihrer Aussage könnte sie erheblich dazu beitragen, dass die Kollegin, die ihren Peiniger im Fahrstuhl attackiert hatte, keine disziplinarischen Maßnahmen zu erwarten hätte.

Jetzt nach all den Jahren würde man Cora Glauben schenken, ohne dass man es für einen Diskriminierungsversuch oder Ähnliches hielt. Auch ihre junge Karriere war nicht mehr in Gefahr. Schließlich war sie inzwischen Sachgebietsleiterin und hatte eine feste Position im Unternehmen eingenommen. Sie war anerkannt, bei vielen beliebt, man würde ihre Aussage sicher vertraulich behandeln. Das waren die Argumente, die ihr all die Jahre gefehlt hatten.

Gleich morgen würde sie zur Personaldirektion oder zum Betriebsrat gehen und offiziell Stellung nehmen.

Da war sie mit einem Mal wieder in diesem kleinen muffigen Büro, viele Jahre jünger, unerfahrener und spürte, wie dieser Mann, den sie gehofft hatte, nie wieder sehen zu müssen, ihr unter den Rock greifen wollte. Schlimmeres hätte geschehen können; Ekel stieg wieder in ihr auf, doch sie versuchte, die Sache kühl und analytisch zu behandeln, wie es ihre Art war.

Sie hing noch immer ihren Gedanken nach, als es an der Badezimmertür klopfte: „Hast Du mich vergessen? Was machst Du denn so lange da drin.“

„Äh, nichts, äh, ich komme gleich“, entgegnete Cora fast entsetzt, denn Anton hatte sie in der Tat völlig vergessen.

Als sie das Bad noch im Kostüm verließ, fragt Anton: „Was hast Du da drinnen bloß so lange gemacht? Ich warte auf Dich, und jetzt siehst Du aus, als wenn Du gleich wieder ins Büro willst. Zieh Dir doch bitte etwas Hübsches an.“

Sein Blick hätte Eisberge zum Schmelzen bringen können, aber Cora sagte: „Ich bin heute nicht in der Stimmung – bitte sei mir nicht böse …“

Anton schnitt ihr das Wort ab, war außer sich vor Wut: „Da will ich nach Wochen endlich mal ein netten Abend mit Dir verbringen, ich schufte mich in der Küche ab, versuche Dir alles so angenehm wie möglich zu machen, und Du sagst einfach ‚ich bin nicht in Stimmung’. Von Dir habe ich mich lange genug benutzen lassen, ich werde Dich verlassen, Cora Schneider. Du hast es einfach nicht anders verdient!“

„Anton, bitte, beruhige Dich …“ Während Cora wie gelähmt dastand, zog er sich seinen Pulli über, nahm eine Reisetasche aus dem Schrank und begann, wahllos Kleidungsstücke hineinzustopfen.

„Mit Dir bin ich fertig! Das war genug! Nie willst Du Dich mal für mich hübsch machen. Immer hast du nur diese grauen Fummel an, und ich habe mich so zum Narren gemacht all die Jahre, und Du hast es ausgenutzt. Du bist jetzt schon eine völlig verknöcherte, versteinerte Mumie. Sobald ich mich Dir nähere, weichst Du aus. Das geht schon ewig so, dabei möchte ich doch nur mal auch meine Wünsche respektiert haben. Mit Deiner Frigidität wirst Du jeden verscheuchen. Ich habe genug, ruf mich nicht an!“

Noch ehe Cora zu Wort kam, knallte er die Wohnungstür hinter sich zu. Das waren fast elf Jahre Beziehung.

Sie setzte sich auf das Bett und begann zu heulen – viele, viele Stunden lang.

Fortsetzung folgt.

23.12.06 15:32

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