Streng genommen - Fortsetzung I

Sylvia Lange stand gerade am Kühlregal im Supermarkt und überlegte, was sie einkaufen sollte, als sie jemand von hinten ansprach:

„Sylvia?“, sagte eine aus fernen Tagen vertraute Männerstimme.

Sylvia drehte sich um, dass ihre Ohrringe geräuschvoll gegen ihr lockiges Haar schlugen.

„Michael, das ist ja eine Überraschung.“ Ihr schlug das Herz bis zum Hals vor Freude. Ob er noch wüsste, wie sehr sie gelitten hatte, als sie sich damals nach der Schule aus den Augen verloren hatten?

„Wie geht es Dir?“, fragten beide gleichzeitig, und die Welt um sie herum verschwamm zu einem milchigen Brei.

„Mir geht es gut“, sagte Sylvia schließlich, als sie ihre Fassung einigermaßen wieder gefunden hatte. „Was machst Du denn hier?“

Ein wenig unsicher entgegnete Michael, der sich nur trotz einiger grauer Haare wenig verändert zu haben schien: „Ich kaufe ein. Und Du?“

„Ähm, tja, ich auch.“ Beide lachten ein wenig verlegen. 

„Bist Du verheiratet?“, fragte Michael zögerlich.

„Ja, und Du?“ Sylvia spürte, wie die Hitze in ihr aufstieg.

„Ja, ich auch. Habt Ihr Kinder?“

„Ja, Tobias ist siebzehn und Frederike vierzehn. Habt Ihr auch Kinder?“

„Meine Frau hat einen Sohn. Sie ist gerade auf Geschäftsreise, deshalb versuche ich mich mal als Hausmann und Koch.“ Mit einer Geste unterstrich er seine Hilflosigkeit.

„Was machst Du beruflich?“, fragte Sylvia neugierig.

„Ich bin selbständiger Kaufmann. Und Du?“

„Seit die Kinder auf der Welt sind, illustriere ich Bücher, vermarkte Kalender und organisiere Kindergeburtstage.“ Sylvia schenke ihm ihr schönstes Lächeln.

Michael sah wie sich ihre roten Lippen bewegten und hörte nicht, was sie sagte. Wie benommen sagte er schließlich: „Schade, dass wir damals so auseinander gegangen sind. Es tat mir später immer wieder leid, aber hatte damals Ilona kennen gelernt und bin tatsächlich mit ihr nach Amerika gegangen …“

Sylvia erinnerte sich nur zu gut an die Frau, die ihr die Liebe ihres Lebens geraubt hatte: „Lass uns nicht über Vergangenes sprechen …“

Während ihre Blicke miteinander verschmolzen, brach Michael das Schweigen: „Du hast recht. Was hälst Du davon, wenn Du mich heute Abend zu Hause besuchst?“


Sylvia konnte nicht den Blick von seinen tiefblauen Augen abwenden. „Ja, gern. Meine Kinder sind heute Abend aus dem Haus, ich habe nichts vor.“

„Fein“, freute sich Michael. „Sagen wir so gegen acht?“  

„Acht Uhr? Das passt perfekt.“

Michael kramte in seiner Brieftasche nach einer Visitenkarte. „Ich gebe Dir meine Adresse. Wollen wir gemeinsam essen?“

„Klingt gut.“ Sylvia schmachtete ihn an.

„Meinst Du, die Fertigpasta hier ist zu empfehlen?“ Michael sah sie durchdringend an.

„Probier sie aus, dann werde ich es Dir sagen.“

„Dann bis heute Abend.“

„Dann bis heute Abend“, wiederholte Sylvia und fügte hinzu: „Ich besorge den Wein.“

„Prima, dann bis später.“ Michael sah Sylvia hinterher, wie sie in Richtung Weinregal verschwand. Ohne dabei nach vorn zu blicken, entfernte er sich von dem Kühlregal und fuhr mit dem Einkaufswagen direkt gegen ein Regal, aus dem tosend Ravioli- dosen zu Boden stürzten - direkt vor die Füße einer älteren Dame.

„Die heben Sie schön wieder auf, junger Mann“, sagte diese streng und verfolgte jede von Michaels Bewegungen, damit er ja keine auf dem Boden liegende Dose übersah.

Forsetzung folgt.

Sternschnuppe887

2.10.07 09:14

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