Streng genommen

‚Der zunehmende Alkoholkonsum von Jugendlichen und Heranwachsenden alarmiert Eltern, Lehrer und Politiker gleichermaßen.’, las Sylvia Lange in der Morgenzeitung. Als Ehefrau und Mutter zweier Kinder hatte sie manchmal ein wenig Sorge um ihre beiden Kinder, die mit vierzehn bzw. siebzehn Jahren dem kritischen Alter angehörten. Sylvia war eine noch recht attraktive Frau Ende dreißig. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren Kindern ein wenig beengt in einer Dreieinhalbzimmerwohnung in einer größeren Wohnanlage, in der vorwiegend Familien ihre Heimat gefunden hatten.

An diesem Samstagmorgen gab es neben der üblichen Hausarbeit und dem noch zu erledigenden Einkauf Diskussionen mit den Kindern:

„Auch wenn Euer Vater über das Wochenende nicht zu Hause ist, heißt das noch lange nicht, dass Ihr machen könnt, was Ihr wollt. Tobias, Du bist erst siebzehn. Ich erlaube nicht, dass Du zu dieser Party gehst. Deine Leistungen in Latein könnten wahrhaft besser sein, und ich möchte nicht, dass Du Dich betrinkst, wie es Dein Freund Daniel offenbar jedes Wochenende tut.“

„Mama, das stimmt nicht.“ Tobias drehte gelangweilt seinen Croissant in der Erdbeermarmelade.

„Was stimmt nicht? Dass Daniel Dein Freund ist oder dass er sich hoffnungslos betrinkt. Geburtstag hin oder her, er ist ein schlechter Einfluss, Du bleibst zu Hause - und damit basta!“

„Lass Tobi ruhig zu der Party gehen, Mama, der rasselt doch sowieso durch das Abi.“

Völlig verschlafen und mit zerzausten blonden Haaren erschien die vierzehnjährige Frederike am Frühstückstisch: „Gib mir mal die Butter, Mama.“

Sylvia reichte ihrer Tochter die Butter, die weder zu ihr aufsah noch sich bedankte.

„Wie kommst Du darauf, dass Dein Bruder das Abi nicht schaffen könnte? Räum’ Du lieber Dein Zimmer auf. Ich habe Dir schon hundert Mal gesagt, dass nächste Woche jemand kommt und alle Thermostate austauscht. Wenn das Zimmer bis dahin nicht sauber ist, mache ich das, aber ich mache kurzen Prozess mit Deinen CDs, Zeitungen, Postern und werfe all den Kram zusammen mit Deiner schmutzigen Wäsche in den Mülleimer.“

Tobias ignorierte die Streithähne: „Du kannst machen, was Du willst, ich gehe zu der Party, sonst stehe ich vor den anderen wie ein Trottel da. Ich verspreche, mich nicht zu betrinken, und ich lasse für den Notfall das Handy an. Wenn ich morgen früh nicht zurück bin, kannst Du immer noch eine Vermisstenanzeige aufgeben.“

Sylvia sah ein, dass es zwecklos war, an allen Fronten Krieg zu führen und willigte resigniert ein: „Gut, mein Großer. Aber wehe, Du hälst Dein Wort nicht, dann war es die letzte Party, bevor Du achtzehn wirst. Deal?“

„Okay, Mama, deal.“

Sylvia wunderte sich ein wenig darüber, dass ihr Sohn so schnell nachgab, aber so war es natürlich angenehmer: „Frederike, Du bekommst Dein Taschengeld nur, wenn das Zimmer fertig ist. Wohin gehst Du heute Abend?“

„Zu Maike“, entgegnete Frederike knapp und stand vom Tisch auf, nahm ihr Glas Orangensaft und ein trockenes Brötchen mit, von dem sie im Verlassen der Küche abbiss. „Vergiss nicht, nachher die Essensreste zu entfernen“, rief Sylvia hinter ihrer Tochter hinterher, doch die Tür zu ihrem Zimmer fiel bereits vernehmbar ins Schloss.

Tobias stand ebenfalls auf, stellte seinen Teller auf die Spüle und gab seiner Mutter einen Kuss: „Wenn Du nicht so streng wärst, könnte man Dich manchmal richtig gern haben.“

Fortsetzung folgt.

Sternschnuppe887

 

1.10.07 13:10

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