For rent

Als ich auf der Party ankomme, sind alle anderen Gäste längst da. Gleich, als ich das Wohnzimmer betrete, verstummen alle Gespräche. „Die hat er also auch eingeladen“, höre ich aus einer Ecke des Raumes und weiß nicht, ob ich mich freuen soll, dass mich jemand kennt.
Zielstrebig fange ich damit an, mit dem Gastgeber zu flirten, und ich sehe es der Frau neben ihm an, dass sie über mein Erscheinen alles andere als begeistert ist. Wenn ich sie so anschaue, sehe ich mit Kennerblick, dass Mauerblümchensaison ist, und ich ein leichtes Spiel haben werde.
Nachdem soweit erst einmal alles geklärt ist, erkläre ich der gesamten Runde, dass ich in Sektlaune bin und feiern will. Ich stöckle in der Gegend herum, gebe mich lasziv und ein wenig extravagant, nehme den Gastgeber an die Hand und mache kleine Andeutungen über unsere gemeinsame Vergangenheit. Er macht bei unserem Spiel nur widerwillig mit, aber das ist mir egal.
Ich gönne dem Gastgeber eine kurze Verschnaufpause, nehme mein Glas und stöckle weiter in Richtung einer kleinen Damenrunde, die sich den ganzen Abend schon über nichts anderes unterhält als Kochrezepte. Nicht, dass ich mich plötzlich für Kochen interessieren würde: Auch hier geht meine Rechnung schnell auf. Meine Anwesenheit ist offenbar unerwünscht, und die kleine Gruppe löst sich auf. Ein Mädel habe ich in der Ecke so eingekeilt, dass sie nicht raus kann, ohne mich zu bitten, sie vorbei zu lassen. Sie will nicht unhöflich sein und bleibt sitzen. Vielleicht fürchtet sie auch eine Szene, und so haben wir ein wenig Smalltalk, bis ich beschließe, noch einmal den Gastgeber anzuflirten. Der ist aber gerade nicht im Raum.
Ich nutze die kurze Abwesenheit des Gastgebers, einigen Partygästen meine Karte zuzustecken, dann ist der Gastgeber schon zurück. Wieder flirte ich mit ihm. Es dauert nicht lange, und das Mauerblümchen ist drauf und dran zu gehen. Der Gastgeber bearbeitet sein Mauerblümchen, lässt sie stehen, und ich gehe mit ihm für einen kurzen Moment in die Küche.
Wir verlassen die Küche, und ich setze meine Sonnenbrille auf. Es muss ja niemand sehen, dass ich geweint habe, denke ich. Er geht hinter mir und wendet sich dem Mauerblümchen zu, das offenbar versucht hat zu lauschen: „Es tut mir leid, ich wollte Dich nicht verletzten. Mir ist erst heute Abend klar geworden, was Du für mich empfindest. Jetzt bin ich frei.“ Wie romantisch.

Er schmachtet sie an, während sie mir verächtliche Blicke zuwirft. ‚Du hast gesiegt, was willst Du mehr’, denke ich und verlasse die Party.
Wurde auch Zeit, denn ich will noch auf eine andere Party gehen.
Dort ist entscheidend weniger los. Es sieht ganz so aus, als sei die Party erst gar nicht in Gange gekommen. Wie schade. Ich bin nicht diejenige, die die
teils stumpfsinnig dreinblickenden Runde in Fahrt bringen kann. Ich komme nicht aus der Torte gesprungen, singe keine Chansons.
Die Stimmung ist nicht sehr heiter, aber ich tue mein bestes: Auch hier flirte ich heftig mit dem Gastgeber, dem ist das sehr recht. Ich frage ihn, ob wir die Party verlassen wollen, und damit renne ich bei ihm offene Türen ein.
Hand in Hand gehen wir zur Wohnungstür, da hält uns die Gastgeberin auf und macht eine riesige Szene. Ich gehe mit ihr kurz in ein Gästezimmer, dann ist alles geklärt. Ich verlasse die Party allein, sage im Gehen noch: „Tschüß, Süßer. Vielleicht ein anderes Mal.“
Puh, jetzt ist Feierabend und ein lukrativer Abend geht zu Ende. € 450,- habe ich an diesem Abend verdient. Sie denken, ich bin ein Callgirl? Nein, Sie irren. Ich bin ein Partyluder.
Wie ich dazu gekommen bin? Mein Bruder brachte mich auf die Idee:
Es war kurz vor seinem 38. Geburtstag und er beklagte sich am Telefon darüber, dass zu seinem Geburtstagen immer dieselben Gesichter anwesend waren, immer dieselben Leute miteinander sprachen und er es Jahr für Jahr nicht schaffte, seine angebetete Anke für sich zu gewinnen.
Ich fühlte mich schuldig. Da wir nicht in derselben Stadt lebten, hatte ich alle Jahre  meinem älteren Bruder ein Päckchen mit irgendwelchen Sachen gekauft, ohne seine wahren Bedürfnisse zu kennen.
Ich beschloss, das zu ändern, verkleidete mich in einen Vamp, mischte die Party von Grund auf – und seit dem sind mein Bruder und Anke fest miteinander verbunden. Es fehlte jemand, der die Beziehung auf eine erotische Ebene transportierte, und das war mir offenbar gelungen.
Die Idee war geboren, die Dienste allen zur Verfügung zu stellen, die dafür bezahlten. Für einen gelungenen Auftritt nehme ich € 200,-, viele ist aber nicht geizig, wenn es darum geht, einen Ehemann Betrug vorzuwerfen oder an der Reaktion einer Person zu erfahren, ob sie wirklich dieselben Gefühle hegt. Im ungünstigsten Fall löse ich nur ‚verhärtete Strukturen’ auf, d. h. ich sorge dafür, dass sich auf einer Party auch mal andere Leute miteinander unterhalten als sonst.
Welche Voraussetzungen erforderlich sind? Extrem gute Menschenkenntnis und eine Art Killerinstinkt. Binnen Minuten muss ich herausfinden, wer die Stimmung lähmt, wer zu wem gehört, wo ich ansetzen muss. Zu keiner Zeit darf ich Zurückhaltung zeigen, ohne Entschlossenheit funktioniert der Job nicht. Wenn ich zögere, habe ich schon verloren.
Ob ich davon leben kann? Vielleicht könnte ich es. Ich nehme nicht jede Woche einen Auftrag an, manches Wochenende dafür mehrere.
Natürlich geht mal ein Auftrag daneben. Das ist nicht so tragisch, denn hauptberuflich bin ich Büroangestellte, muss also nicht jeden Auftrag annehmen, und ewig werde ich das auch nicht machen können, denn gutes Aussehen ist Bedingung.
Ob ich nicht doch erotische Dienste anbiete? Sie wollen es aber genau wissen!

Grundsätzlich nein, aber ich bin ungebunden, und sollte sich eine Gelegenheit ergeben, werde ich sie sicher ergreifen. Ich bin schließlich ein Partyluder.

Sternschnuppe887

8.8.07 09:02

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