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Wahre Liebe

Michael Schweizer arbeitete schon viele Jahre im Controlling eines Industrie-unternehmens, hatte dort einen ansehnlichen beruflichen Status erreicht und auch sein Gehalt lag über dem Durchschnitt.

Er war verheiratet, seine Kinder waren erwachsen, hatten einen eigenen Beruf. Seine Frau nahm ihm weitgehend die Arbeit in Haus und Garten ab. Eigentlich konnte er mit seinem Leben zufrieden sein, doch seit geraumer Zeit schon keimte eine latente Unzufriedenheit in ihm auf.

Nach einigen Überlegungen kam er zu dem Entschluss, den Hausarzt aufzusuchen.
Als dieser keine organischen Ursachen feststellen konnte, gab er ihm den Rat, einen Therapeuten aufzusuchen, um mit ihm in einem Gespräch die Ursachen herauszufinden.

Michael scheute diesen Gang mehr aus der Tatsache heraus, dass er Zeit verlöre als aus Scham für sein Problem. Er zögerte noch einige Wochen, dann beschloss er, dem Rat des Arztes zu folgen und vereinbarte einen Termin in der Praxis eines neu angesiedelten Psychiaters.

Auf dem Weg dorthin überlegte er, wie er sein Problem schildern könne, damit er nicht jede Woche wieder dort erscheinen müsse. Unmittelbar vor dem von Wildrosen gesäumten Haus des Psychiaters hatte er eine Idee:

Michael Schweizer klingelte, und nach kurzer Zeit öffnete ein großer schlanker Mann und lächelte ihn freundlich an. Der Psychiater reichte Michael die Hand und begrüßte ihn freundlich: „Guten Tag, Herr Schweizer. Mein Name ist Ulf Petersen. Wir hatten telefoniert.“

„Angenehm.“ Michael folgte der Geste des Psychiaters einzutreten und sie gingen   in einen Raum, im vorderen Teil der Erdgeschoßwohnung lag. Der Raum war ein Arbeitszimmer, strahlte dennoch eine warme Atmosphäre aus.

„Nehmen Sie bitte Platz.“

Michael setzte sich auf einen bequemen Stuhl und sah sein Gegenüber an.

„Herr Schweizer, Sie haben um einen Termin gebeten. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ulf Petersen hatte eine freundliche Ausstrahlung.

Michael Schweizer begann zu erzählen:

„Mein Hausarzt hat Sie mir empfohlen. Er sagte, Sie könnten mir bei der Lösung  meines Problems behilflich sein. Es ist so, ich bin völlig gesund, aber seit einiger Zeit habe ich das unbestimmte Gefühl, etwas stimme nicht mehr in meinem Leben. Zuerst waren diese Gedanken nur manchmal da, aber inzwischen nehmen sie immer mehr Raum ein, werden fast allgegenwärtig. Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausfand, was genau mir Kummer bereitet. Das ist so: Ich fürchte, ich habe meine Liebe verloren. - Ich frage mich, ob ich mich von ihr trennen soll.“

Michael sah den Psychiater an, als erhoffe er sich eine Antwort, die ihn von allen Sorgen für immer befreien konnte. Stattdessen notierte sich der Therapeut die Details ihres Gesprächs. Nach einer Weile sah er auf und fragte:

„Was hat Ihrer Ansicht Ihre Liebe bislang ausgemacht?“

„Hm, es ist wohl so, ich kann nicht ohne sie, sie nicht ohne mich. Was ich vermisse ist wohl dieses Kribbeln. Zuerst konnte ich nicht genug von ihr bekommen. Nachts konnte ich kaum schlafen, freute mich schon auf den nächsten Tag. Jeder Tag war eine neue Herausforderung, ein neues Abenteuer, es gab unzählige Möglichkeiten …“

Ulf Petersen war ein aufmerksamer Zuhörer: „Und wie würden Sie die Situation heute beschreiben?“

Michael wechselte die Position und schlug ein Bein über das andere: „Ich würde sagen, die Routine überwiegt. Jeder Tag ist wie der vorige und der morgige wird sein wie der gestrige …“

„Ist es aber nicht so, dass Routine auch Vertrauen schafft?“

„Sicher, eine gewisse Routine gibt Sicherheit. Dessen bin ich mir völlig bewusst, aber ich denke, es fehlt etwas, und ich spüre, dass wir uns gegenseitig von einander entfernen.“

„Haben Sie Angst vor diesem Prozess?“ Der Psychiater nahm eine gerade Haltung ein.

„Oh ja, sehr. Ich kann mir ein Leben ohne sie eigentlich nicht vorstellen, aber sie hat sich so sehr verändert, dass ich nicht weiß, ob ich Schritt halten kann.“

„Wie meinen Sie das?“

„ … man wird ja nicht jünger, ich bin jetzt siebenundfünfzig Jahre alt. Auch, wenn ich mich noch sehr fit fühle, spüre ich doch inzwischen meine Grenzen stärker als früher.“

„Meinen Sie, es gibt einen Jüngeren?“

„Ach je, da gebe ich mich keinen Illusionen hin: Natürlich gibt es gibt Jüngere, aber ich bin mir durchaus bewusst, dass auch das Alter seine Vorzüge hat. Dennoch sehe ich mich nicht mehr dort, wo ich einst war.“ Michael Schweizer sah sein Gegenüber nachdenklich an.

„Was denken Sie, können Sie dazu beitragen, dass die Leidenschaft wieder auflebt?“ 

„Leidenschaft? In den letzten Jahren ist sie mehr und mehr zurückgegangen. Manchmal denke ich, die Umstände passen nicht mehr. Das sind Umstände, die ich aber nicht beeinflussen kann. Für mich sehe ich ehrlich gesagt wenige Chancen zur Verbesserung. Vielleicht bin ich deshalb oft so niedergeschlagen.“

 „Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?“, fragte der Therapeut.

"Ach, das ist eine Frage! Ein Fass ohne Boden. Man drückt ja nicht einfach auf den Knopf und alles ist wieder wie es einmal war, und ich bin auch nicht sicher, ob ich das wollte. Sagen Sie mir, was ich tun könnte, damit die Welt sich wieder mit Leben füllt.“
 

Ulf Petersen lehnte sich in seinem Stuhl wieder zurück: „Wissen Sie, ich denke, Sie spüren eine innere Leere, weil Ihnen die Vertrautheit zum Feind geworden ist. Das muss Sie aber nicht beunruhigen. Sie verbringen vermutlich auch zu viel Zeit mit einander, so dass kein Raum bleibt, sich selbst zu entfalten. Vielleicht haben Sie früher ein Hobby gepflegt?“

Michael schien einen Moment lang zu überlegen: „Ja, das ist richtig. Früher habe ich Fußball gespielt. Das ist heute sicher nichts mehr für mich, aber es gibt so viele Dinge, die ich erleben möchte, wobei sie mich immer eingeschränkt hat.“

„Sehen Sie, dachte ich es mir doch. Was würden Sie denn tun, wenn mehr Freiraum für sich hätten?“

„Ich habe einen Freund aus der Schulzeit, mit dem ich gern Ausfahrten machen würde. Er ist seit zwei Jahren Rentner, und man weiß nicht, wie lange er noch mobil ist. Ich würde gern schwimmen gehen, durch den Park schlendern, durch das Einkaufszentrum, an die See fahren, ach irgendwas, Hauptsache mal etwas anderes sehen.“ Michaels Gesicht bekam ein wenig Farbe zurück bei den Gedanken.

„Müssen Sie denn eine radikale Trennung vollziehen, oder wäre es auch denkbar, den Freiraum dann in Anspruch zu nehmen, wenn Sie es möchten?“

„Das wird gewiss nicht immer möglich sein. Ich richte mich auf einige Diskussionen ein. Schließlich war ich über dreißig Jahre lang immer da …“. Michael wirkte einen Moment lang hilflos.

„Scheuen Sie die Konflikte?“

„Durchaus. Es ist zu erwarten, dass es Widerstände geben wird.“

„Welche?“, fragte der Therapeut interessiert.

„Können Sie sich das nicht denken?“

„Gut, das verstehe ich. Wenn Sie einen offenen Dialog pflegen, sollte das aber kein allzu großes Problem darstellen …“, sagte der Psychiater überzeugt.

„Wahrscheinlich haben Sie recht. Wir können konstruktiv miteinander umgehen. Wenn ich meine Wünsche ausgesprochen habe, ist alles gesagt. Mir kommt auch schon eine Idee.“

„Schön. Wollen wir uns in der kommenden Woche noch einmal treffen, und sie berichten mir, was Sie erreicht haben?“

„Damit bin ich einverstanden.“ Michael stand eilig auf und verabschiedete sich.

Fortsetzung folgt!

18.7.07 13:34, kommentieren



Lebenszeichen

Hallo, da bin ich wieder.

Wahrscheinlich bin ich jetzt endgültig in Ungnade gefallen, weil ich so lange nichts Neues produziert habe.

Stimmt das so?

Nein, natürlich nicht. Ich war sehr fleißig, allerdings nicht nur im Schreiben von Geschichten.

Der Roman ruht zwar noch immer, aber das wundert auch nicht bei all den Überstunden. Dafür ist gleich eine ganze Reihe von Kurzgeschichten fertig geworden. Den Anfang einer davon möchte ich heute vorstellen.

Viel Vergnügen beim Lesen.

Eure

Sternschnuppe887

 

18.7.07 14:12, kommentieren

Fortsetzung 'Wahre Liebe'

Am darauffolgenden Tag hatte Michael Schweizer ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten im Büro:

„Sie wollen also nur noch Teilzeit arbeiten. Wie kommt der plötzliche Sinneswandel? Letztes Jahr haben Sie sich noch auf die Position des Abteilungsleiters beworben, jetzt wollen Sie kürzertreten?“

„Herr Steffens“, entgegnete Michael, „verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist über ein Jahr her, für eine Trotzreaktion ein wenig spät, finden Sie nicht? Ich gönne Ihnen die Position von Herzen, es ist nur so, dass ich mehr Zeit für mich haben möchte.“

Nach einer Minute des nachdenklichen Schweigens räusperte sich Abteilungsleiter Steffens: „Also gut, Herr Schweizer, ich will Ihrem privaten Glück nicht im Wege stehen. Ich werde dem Vorschlag zustimmen.“

Michael sprang auf, reichte seinem Gegenüber die Hand und ging wieder an die Arbeit.
Am Nachmittag verlies er nach vielen Jahren erstmals wieder zeitig das Büro und kaufte am Bahnhof einen fröhlich bunten Blumenstrauß.
Als er heimkam öffnete seine Frau die Tür: „Hallo Schatz, Du schon hier?“

Er gab Ihr eine Kuss auf die Wange und lächelte sie an: „Gewöhne Dich schon mal daran. Ich habe heute einen Teilzeitvertrag beantragt, mein Chef hat schon zugestimmt. Mir ist klargeworden, dass wir viel zu wenig Zeit für einander haben, ich möchte das gern ändern.“

Seine Frau strahlte und hielt sich die Hände vor das Gesicht: „Was für eine Überraschung. Das ist ja wundervoll!“

Während sie mit dem Blumenstrauß in der Küche verschwand, ging er in sein Arbeitszimmer und rief den Psychiater an:

„Petersen.“

„Hallo Herr Petersen. Hier ist Michael Schweizer, ich war gestern bei Ihnen. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie mir sehr geholfen haben. Den nächsten Termin setzen Sie bitte auf die Rechnung, aber ich werde ihn nicht benötigen.“

„Wie kommt das?“
Das hört sich jetzt sicher seltsam an: Ich habe eine Liebe gegen eine andere eingetauscht. Ich habe meinem Arbeitgeber gesagt, dass ich mehr Freizeit möchte,  und ich habe einen Antrag auf Teilzeit gestellt.“                           
                                                                     
„Ich verstehe nicht …“
„Das ist jetzt sicher ein Schock für Sie, aber meine Arbeit war eben meine größte Leidenschaft.“
„Sie wollen mir erzählen, wir haben gestern ausschließlich über Ihre Arbeit gesprochen?“
„Ja.“

Der Psychiater fing an zu lachen. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich lache, aber ich hatte angenommen, es ginge um Ihre Frau.“

„Es war nicht meine Absicht, Sie zu täuschen. Meine Frau ist nun diejenige, die davon profitieren wird. Das verdanken wir Ihnen.“

Nach einer kurzen Pause sagte der Therapeut: „Ich wünsche Ihnen beiden alles Gute.“
Während sie sich verabschiedeten dachte der Therapeut kopfschüttelnd darüber nach, was manche Leute für Liebe hielten.

ENDE

19.7.07 10:25, kommentieren

Längere Kurzgeschichte

Da bin ich mit einer bereits im Frühjahr diesen Jahres entstandenen, etwas längeren Kurzgeschichte.

Heute gibt es den Anfang.

Viel Vergnügen wünscht

Sternschnuppe887

23.7.07 13:34, kommentieren

An Tagen wie diesen I

Es war ein sonniger Samstagvormittag Anfang Mai, als ich meinem Mann beim Frühstück darum bat, mit mir in die Gärtnerei zu fahren. Griesgrämig und morgenmuffelig wie immer, hörte ich zwischen seinen Zähnen und einem Stück Marmeladenbrötchen etwas hindurch zischen, dass sinngemäß wie „Fußball“ klang. Was immer ich mit dieser kargen Antwort anfangen sollte, wusste ich nicht, aber es ich sagte mir, es werde schon nichts zu bedeuten haben.

Im Gegensatz zu meinem Mann war ich schon morgens gut gelaunt und voller Tatendrank. Der Tagesablauf stand fest: Zur Gärtnerei fahren, Pflanzen und Erde kaufen, die Kübel bepflanzen, die Terrasse herrichten und bei dem schönen Wetter Grillen. Es würde ein herrlicher Tag werden!

Mein Mann schlurfte ins Bad, und ich, die bereits frisch geduscht am Frühstückstisch gesessen hatte, zog die Edeljeans an, die ich letzte Woche in einer Boutique gekauft hatte, dazu ein Designer-Top aus dem letzten Urlaub, Make-up, Schmuck und die Sandalen, die zu der Hose hervorragend passten, bürstete die Haare, dass die Strähnchen gut zur Geltung kamen, ein wenig Parfüm, und die ich war fertig.

Inzwischen hatte mein Mann das Bad verlassen. Er wirkte noch immer ein wenig zerknittert, aber das konnte meine Stimmung nicht im Geringsten trüben. Ich überlegte bereits, was ich alles einkaufen wollte.

Im Auto kam er langsam zu sich: „Was müssen wir denn überhaupt einkaufen, Schatz?“

Wie ein Wasserfall sprudelte ich hervor. Das war die Frage, auf die ich die ganze Zeit gewartet hatte: „Ich dachte, wir bepflanzen heute die Terrasse mit etwas Blühendem, außerdem müssen die Kübel am Eingang bepflanzt werden, dazu brauchen wir natürlich Blumenerde, anschließend wollte ich nach einer Topfpflanze für das Kaminzimmer gucken, und wenn wir heute grillen wollen, könnten wir noch durch die Gartenmöbelabteilung gehen, und …“

„Was, alles heute?“, unterbrach mich mein Mann und sah mich zum ersten Mal am heutigen Tag richtig an.

„Ja, wann denn sonst. Das Wetter ist herrlich, wir haben endlich mal Zeit dazu, und außerdem will ich es schön haben, wenn wir nachher auf der Terrasse sitzen und grillen.“

„Wer hat denn gesagt, dass wir grillen wollen. Hast Du denn schon etwas eingekauft?“

„Nein, das nicht. Ich dachte, das erledigen wir auf dem Rückweg.“

„Aber dann ist es schon Nachmittag.“

„Na und?!? Die Geschäfte haben doch bis 22 Uhr geöffnet. Bis zum Nachmittag sind wir wieder zu Hause.“

„Am Nachmittag ist Fußball.“ Wieder starrte mein Mann griesgrämig auf die Fahrbahn.

„Dann grillen wir eben morgen.“

„Und was essen wir dann heute?“, fragte er immer noch starr nach vorn blickend.

„Da fällt mir schon etwas ein.“

„Gib bloß nicht wieder so viel Geld aus“, sagte er tonlos, als wir in die Straße einbogen, in der sich die Gärtnerei befand.

Kurz darauf hatten wir die Einfahrt zum Gartencenter erreicht, und mussten zunächst warten, bis wir überhaupt auf den Parkplatz fahren konnten. Einige Autos parkten schon an der Straße, und der Kundenparkplatz war voller Blechungetüme, hier und da liefen Menschen mit Karren oder Pflanzen in den Armen zu ihren Autos.

Überall herrschte rege Betriebsamkeit. Ich sah, dass mein Mann genervt war, einen Parkplatz zu suchen. Er ist überhaupt genervt auf Besuche der Gärtnerei, aber so oft fahren wir nicht hierher, und ich finde, er kann das ruhig mal auf sich nehmen. Schließlich kaufe ich meist allein ein, und er braucht sich um nichts zu kümmern, obwohl ich auch genug anderes zu tun habe.

Das Chaos lichtete sich nicht, im Gegenteil. Hinter uns hatte sich schon ein kleiner Stau aufgebaut.

Fortsetzung folgt!

23.7.07 13:35, kommentieren

An Tagen wie diesen - Fortsetzung I

Endlich bekamen wir einen Parkplatz fast direkt vor dem Eingang. ‚Glück braucht der Mensch’, dachte ich, aber mein Schatz grummelte: „Hast Du gesehen, wie voll es da drin ist. Wollen wir nicht lieber ein anderes Mal herfahren, wenn nicht so viel los ist?“

„Nein“, sagte ich bestimmt und ärgerte mich im Stillen darüber, dass er – wie so oft -  unkooperativ war. Dann fügte ich hinzu: „Wenn Pflanzzeit ist, ist es hier immer voll, ob nun heute oder ein anderes Mal, das ändert gar nichts, und ich will nicht warten, bis die schönsten Pflanzen ausverkauft sind!“
 

Nachdem das geklärt war, trottete er hinter mir her. Während ich den Unterstand vor dem Verkaufsraum betrat, schaute ich mich um. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, so schön waren all die Pflanzen: Fuchsien, Geranien, Petunien, Bacopa, Impatien, Garzanien, Lantanen, Vebenen, Heliotrop und vieles mehr bildeten ein einziges Blütenmeer.

Schnell stellte ich fest, dass alles war, wie in den vergangenen Jahren: Vertraut – aber noch immer keine Selbstbedienung bei den Balkonpflanzen. Zuerst brauchten wir einen Verkäufer für die Balkonpflanzen. Das war gar nicht so einfach, da die Verkäufer alle Hände damit zu tun hatten, den Ansturm der Kunden zu bewältigen.

Geduldig stellte ich mich im Verkaufsraum an, um einen Verkäufer zu bekommen. Ich begann zu rechnen. Vorn in die Kübel sollte je eine Margerite gepflanzt werden, gelb oder weiß, feines oder grobes Laub? Ich erinnerte mich daran, dass ich mal welche hatte, die innen braun wurden. Waren das jetzt die filigranen oder die anderen? Und was darum herum? Etwas Hängendes, aber was?

In der Schlange ging es nicht voran. Die ältere Dame vor mir suchte nach der optimalen Grabbepflanzung. Die Verkäuferin empfahl Eisbegonien. Die Kundin fand dies zu einfallslos. Wieder konzentrierte ich mich auf meinen Einkauf:

An der Terrasse hätte ich gern auch etwas Ausgefallenes. Aber was? An der Auswahl lag es nicht. Jedes Jahr wurde man beinah erschlagen von der Mannigfaltigkeit und Pracht der Gewächse, die es zu kaufen gab.

Fortsetzung folgt!

24.7.07 12:05, kommentieren

An Tagen wie diesen Fortsetzung II

„Ich habe in einer Zeitschrift gelesen, dass sich Studentenblumen zur Grabbepflanzung hervorragend eignen“, höre ich die Dame mit leicht näselnder Stimme zu der Verkäuferin sagen. „Haben sie welche?“

„Ja, wir haben welche da. Ich zeige Ihnen mal welche. Wenn sie mitkommen würden …“

Die Dame vor mir begriff langsam, dass ihr die Pflanzen nicht einzeln zur Kasse getragen werden und setzte sich in Bewegung. Im Gewühl gingen Verkäuferin und Kundin beinah verloren, doch ich folgte den beiden, denn ich glaubte mich zu erinnern, im vergangenen Jahr von dieser Verkäuferin gut beraten worden zu sein.

„Da sind unsere Tagetes“, sagte die Verkäuferin zu der Dame, deren kritisches Gesicht sich zu einer Grimasse verzog.

„Ich wollte Studentenblumen.“ In der Stimme schwang ein kleiner Vorwurf mit.

„Das sind Studentenblumen.“ Die Verkäuferin lächelte geduldig.

Jetzt war die Kundin verärgert: „Sagten sie eben nicht etwas anderes?“

„Ja, ich sagte ‚Tagetes’, das ist die botanische Bezeichnung für die Studentenblume.“

„Gibt es die nur in gelb?“ Die Kundin stand inmitten von Kisten von Studentenblumen in verschiedenen Farben und Formen.

Die Verkäuferin zeigte auf die Kisten mit den verschiedenen Farben und Formen.

Die Kundin guckte wieder skeptisch. „Ich habe in der Illustrierten gelesen, dass sich die Studentenblume hervorragend für die Grabbepflanzung eignet, weil sie die Kaninchen fernhält.“

„Da werden sich die Kaninchen über den Zeitungsartikel sehr freuen, fürchte ich. Die Studentenblumen werden sehr gern von den Kaninchen abgefressen.“ Die Verkäuferin legte den Kopf leicht schräg und lächelte milde.

„Was wird denn nicht von den Kaninchen gefressen?“

„Eisbegonien, Knollenbegonien, Silbereichen, fleißige Lieschen. Die letzteren haben allerdings einen sehr hohen Wasserbedarf. Wie ist denn der Boden beschaffen?“ 

„Auf dem Friedhof?“, fragte die Dame empört.

Die Verkäuferin erkannte die Situation und versuchte es anders: „Wenn Sie Eisbegonien nicht mögen, kann ich Ihnen nur die Knollenbegonien empfehlen. Die gibt es auch in unterschiedlichen Farben. Sie sind allerdings auch deutlich teuerer als die Eisbegonien.“

„Was ist mit Geranien?“, fragte die Dame. 

„Geranien lieben einen sonnigen Standort. Sie wollen die Pflanzen doch für den Friedhof haben? Liegt das Grab in der Sonne?“

„Nein, da stehen überall hohe Bäume. Das Grab liegt im Schatten, höchstens morgens scheint die Sonne dorthin.“

„Dann sollten Sie etwas nehmen, das den Schatten verträgt.“

Die Kundin blieb abrupt vor einem Wagen mit kleinblütigen blauen Blümchen stehen. „Was ist hiermit?“

„Das sind Lobelien. Leider sind sie für die Grabbepflanzung ungeeignet. Wenn die Pflanze größer wird, wird es eine Hängepflanze.“

Die Kundin schaute ungläubig auf die blauen Sternchen: „Ich hätte schwören mögen, das sind Männertreu.“

Die Verkäuferin gab auf. Sie erklärte der Kundin nicht, dass Männertreu auch Lobelien genannt werden.

Die Kundin schaute noch immer verdrießlich drein. „Eisbegonien sind mir zu mickrig“, zischt sie schließlich die Verkäuferin an. „Was sollen die überhaupt kosten?“  

„Die kosten 50 Cent pro Stück. Die sind aber noch enorm entwicklungsfähig. Wenn Sie sie bei der Pflanzung gut wässern, werden sie staunen, wie prächtig sie sich innerhalb kurzer Zeit entwickeln. Wenn Sie klassisch rot-weiß nicht mögen, kann ich Ihnen die rosafarbenen mit dem roten Laub empfehlen.“

Kritisch guckte die Kundin auf das kleine Pflänzchen, das die Verkäuferin zwischen ihren kleinen vom Schmutz bedeckten wunden, blutigen Fingern hielt.

„Wie viele dürfen es sein?“, fragte die Verkäuferin höflich.

„Sie sagen ja, die kommen noch. Geben sie mir mal 10 Stück“, knurrte die ältere Dame. „Ich brauche aber noch eine Tüte.“

Sorgsam verpackte die Verkäuferin die Pflänzchen. Tüte gehört zum Service.

Es wurde Zeit, die Dame zu Ende zu bedienen, denn inzwischen war fast eine Viertelstunde vergangen, und nicht alle Kunden warteten geduldig. Die ersten verließen wutentbrannt das Geschäft und schimpften über den schlechten Service.

Fortsetzung folgt!

1 Kommentar 25.7.07 10:49, kommentieren